Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Die Unsicherheit um die russischen Gaslieferungen hält auch diese Woche die Gaspreise auf hohem Niveau und sorgt für eine hohe Volatilität an den Märkten.

Es stehen uns schwierige Monate bevor. Die Bundesnetzagentur veröffentlichte in der vergangenen Woche ein Update zu den Gasszenarien für die nächsten zwölf Monate. In keinem der Szenarien werden sämtliche Speicherziele erfüllt.

Winter 2023/24 wird große Herausforderung

Bleiben die Gasflüsse auf der Nord-Stream-Pipeline auf 20 Prozent, müssten laut Bundesnetzagentur Gasverbrauch und -exporte um mindestens 20 Prozent reduziert werden, um eine Gasmangellage im Winter 2022/23 zu verhindern.

In allen Szenarien ziehen sich die niedrigen Speicherstände in das nächste Jahr. Die Versorgungssicherheit für den Winter 2023/24 wird zur großen Herausforderung.

LNG-Ausspeicherungen auf Rekordniveau

Kommt es zum vollständigen Cut der Gasflüsse auf Nord Stream 1, müssten Verbrauch und Exporte noch stärker als im 20-Prozent-Szenario reduziert werden. Das erscheint aber nur schwer erreichbar. Eine Gasmangellage wäre dann nur schwer zu verhindern.

Noch nie waren die LNG-Ausspeicherungen im Sommer so hoch wie in diesem Jahr. Auch in dieser Woche liegen die Send-Outs bei rund 3800 GWh pro Tag. Damit bleibt der LNG-Anteil im europäischen Gasversorgungsmix mit 35 Prozent sehr hoch.

Sechs Schiffe aus den USA

Laut dem Beratungsunternehmen S&P Global Platts wurden im Juli in Europa 11,8 Mrd. Kubikmeter aus LNG-Anlagen regasifiziert. Dies entsprach einer Steigerung von knapp 125 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat und rund acht Prozent im Vergleich zum Juni. Rekordwerte wurden in Italien, Belgien, den Niederlanden und Polen verzeichnet.

Bis Anfang nächster Woche werden weitere 15 LNG-Lieferungen an nordwesteuropäischen Häfen erwartet. Sechs Schiffe kommen dabei aus den USA.

Europas Gasspeicher zu 73 Prozent voll

Gute Nachrichten gibt es auch vom US-amerikanischen Freeport LNG. Der Betreiber hat sich dort mit dem Regulator auf Verbesserungsmaßnahmen geeinigt, sodass der Betrieb voraussichtlich im Oktober wieder aufgenommen werden könne. Die Anlage ist nach einem Brand seit Mitte Juni außer Betrieb.

Die Gasspeicher in Europa sind zu 73 Prozent gefüllt. Das ist ein Wert auf dem Niveau des langfristigen Durchschnitts und deutlich höher als in den Jahren 2017, 2018 und 2021.

Rehden-Speicher füllt sich

Seit der Nord-Stream-Reduktion sind die Einspeicherungen zwar zurückgegangen, halten sich aber vor allem wegen der stabilen Lieferungen aus Norwegen und dem guten LNG-Angebot mit rund 4500 GWh pro Tag auf dem Niveau des Vorjahres.

Die Einspeicherungen über THE im größten deutschen Gasspeicher Rehden gehen gut voran. Seit Mitte Juni wird praktisch am Kapazitätslimit eingespeichert, der Speicher war Stand Dienstag zu 51 Prozent gefüllt.

Sorgenkind Österreich

Deutschland, das Land mit den größten Gasspeicherreservoirs liegt mit einem Speicherstand von 73 Prozent auf EU-Durchschnitt. Allerdings ist das Bild in der EU nicht einheitlich: Frankreichs Gasspeicher sind bereits zu 84 Prozent gefüllt, in Polen sogar zu 99 Prozent.

Sorgenkind bleibt Österreich, das Land mit den fünftgrößten Speicherkapazitäten in der EU. Dort sind die Speicher nur zu 56 Prozent gefüllt. Besonders niedrig ist der Füllstand im größten Speicher des Landes in Haidach.

Problem Haidach

Die von Astora vermarkteten Kapazitäten (rund 57 Prozent der gesamten Speicherkapazitäten) waren zuletzt zu 40 Prozent voll. Die restlichen Kapazitäten vermarktet seit 1. August die österreichische RAG.

Hier lagen zuletzt auf der AGSI+-Plattform keine gesonderten Daten vor, weil die RAG nur Angaben zu ihrem gesamten Speicherpool macht. Der Füllstand dürfte aber noch immer sehr niedrig sein, weil GSA, eine Gazprom-Tochter, praktisch leere Speicherkapazitäten hinterlassen hatte.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Warum Gas in Großbritannien derzeit deutlich günstiger ist als in Deutschland"(aba)

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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