Trotz der jüngst gefallenen europäischen Gaspreise liegt die Preisdifferenz zu den US-amerikanischen Gaspreisen immer noch bei umgerechnet rund 30 Euro pro MWh und ist damit doppelt so hoch wie vor der Energiekrise.
Den äußerst lukrativen Geschäften der US-Exporteure stehen somit Kostennachteile der europäischen Exportindustrie gegenüber. Eine Annäherung der Marktpreise beider Handelsplätze ist derzeit nicht in Sicht.
Kostennachteile für europäische Exportindustrie
In den Jahren 2010 bis 2019 lagen die Gaspreise am US-amerikanischen Henry Hub im Durchschnitt bei umgerechnet sechs bis zehn Euro pro MWh, am niederländischen TTF zahlte man durchschnittlich 15 bis 20 Euro pro MWh. Da beide Handelsplätze nur unzureichend vernetzt waren, war das Arbitragepotential vor allem vor 2016 sehr gering.
Mit dem massiven Ausbau der Frackingindustrie in den USA ab 2016 erhöhte sich das Gasangebot auf dem US-Markt sprunghaft. Der Druck, das überschüssige Gas exportieren zu müssen, stieg. Die USA verwandelten sich nun innerhalb weniger Jahre vom Nettoimporteur in einen der weltweit größten LNG-Exporteure.
Europa ist Hauptabnehmer von US-LNG
2016 lagen die LNG-Exporte der USA noch deutlich unter einer Mrd. Kubikfuß (28 Mio. Kubikmeter) pro Tag. In 2022 stieg dieser Wert auf mehr als zwölf Mrd. Kubikfuß (340 Mio. Kubikmeter) pro Tag. Die USA wurden nun zusammen mit Katar und einem Exportvolumen von 81,2 Millionen Tonnen LNG (112 Mrd. Kubikmeter LNG) zum weltweit größten LNG-Exporteur.
Mit der Energiekrise – verstärkt durch den Überfall Russlands auf die Ukraine – wurde Europa Hauptabnehmer von US-Flüssigerdgas. 2022 gingen 64 Prozent der US-amerikanischen LNG-Exporte (6,8 Mrd. Kubikfuß oder 190 Mio. Kubikmeter pro Tag) nach Europa.
Lukrative Exportgeschäfte der USA
Mit den 2022 sprunghaft gestiegenen Gaspreisen in Europa nahmen somit die lukrativen Arbitrage-Geschäfte, also Deals, die das unterschiedliche Preisniveau zwischen den USA und Europa ausnutzten, deutlich zu. Am niederländischen TTF stiegen die Preise zeitweise auf mehr als 300 Euro pro MWh. Die US-Preise am Henry Hub verteuerten sich auch, stiegen aber in der Spitze nicht wesentlich über umgerechnet 30 Euro pro MWh.
In der Spitze wurde in Europa damit zehnmal mehr gezahlt als in den USA. Im Gegensatz zu den Exportmärkten reagierten andere Importmärkte wie der asiatische JKM stark auf die Preisbewegungen in Europa und zeigten, wenn auch teilweise zeitversetzt, ähnliche Preisspitzen.
Flaschenhals LNG-Tanker
Der Grund für die hohe Arbitrage war und ist, dass es zu wenige freie LNG-Schiffe gibt, die den Händlern zur Verfügung stehen, um das billige Gas der USA zu exportieren. Derzeit gibt es weltweit rund 700 LNG-Tanker. Diese sind alle gut ausgelastet.
Auch wenn sich die Anzahl der LNG-Tanker seit 2005 verdreifacht hat, reicht dies nicht aus, um die Preiskorrelation zwischen Export- und Importmärkten zu erhöhen. Neue LNG-Tanker zu bauen, dauert mehrere Jahre. Die Kosten für einen LNG-Tanker liegen bei rund 250 Mio. US-Dollar – Tendenz steigend.
Volatile Frachtraten
Die Frachtraten zeigten sich daher in den vergangenen drei Jahren sehr volatil und erreichten im letzten November ein Allzeithoch von 485.000 US-Dollar pro Tag. Geht man von einer Transportdauer von US-amerikanischem LNG nach Europa von rund 30 Tagen aus, so kostete eine LNG-Schiffslieferung in Spitzenzeiten mehr als 14 Mio. US-Dollar.
Mit gefallenen Gaspreisen in Europa sanken auch wieder die Frachtraten und erreichten zuletzt ein Allzeittief bei unter 40.000 US-Dollar pro Tag. Eine LNG-Lieferung kostete also nun rund eine Mio. US-Dollar. Für den weiteren Verlauf dieses Jahres erwarten Marktteilnehmer wieder einen graduellen Anstieg der Frachtraten auf 100.000 bis 200.000 US-Dollar pro Tag.
Hohe Preisdifferenz könnte sich erst mittelfristig auflösen
Das weltweite LNG-Angebot wird sich erst in den Jahren 2025 bis 2030 spürbar vergrößern. Bis dahin sollte sich auch die Anzahl der Tanker erhöhen. Die Preisdifferenz zwischen europäischem und US-amerikanischem Markt könnte also noch bis 2025 hoch bleiben.
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Risiko Gasbeschaffung: Vor welchen Herausforderungen Stadtwerke jetzt stehen"
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.



