Die Gaspreise setzen in dieser Woche ihren Abwärtstrend fort. Am niederländischen TTF notiert der Frontmonatskontrakt auf dem tiefsten Stand seit Juli 2021. Am Terminmarkt legten die Kontrakte hingegen wegen der möglichen Versorgungsrisiken im kommenden Winter zu.
Nach zuletzt drei milden Wintern in Europa in den vergangenen vier Jahren ist zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass auch der kommende Winter sehr mild verlaufen könnte, geringer als noch im Vorjahr.
Preis- und Mengenrisiken am Spotmarkt
Würde ein rückläufiges LNG-Angebot mit einer Kältephase in den ersten Wintermonaten zusammenfallen, könnten die Spotpreise kurzfristig schnell wieder auf weit über 100 Euro pro MWh steigen.
Diese kurzfristigen Preisrisiken am Spotmarkt sind für Gasversorger mit einem großen Anteil von Standardlastprofilkunden zunehmend ein schwer kalkulierbares Risiko.
Viele flexible Verträge laufen aus
Vor der Energiekrise und Pandemie dominierten flexible Beschaffungsverträge das Einkaufsportfolio vieler Stadtwerke. Mithilfe einer Temperaturregression und für einen Flexibilitätsaufschlag übernahm der Lieferant das Preis- und Mengenrisiko.
2019 waren Flexibilitäten bei einem Terminpreisniveau von 15 bis 20 Euro pro MWh für zum Teil deutlich unter 0,50 Euro pro MWh zu haben. Viele dieser flexiblen Verträge sollten – wenn nicht schon geschehen – 2023 oder 2024 auslaufen.
Flexibilitäten sehr teuer oder nicht erhältlich
Wegen der grundlegend veränderten Marktsituation und der aktuellen Angebotsrisiken sind solche Flexibiliäten derzeit am Markt nicht erhältlich. Der Spotmengenanteil in den Beschaffungsportfolien vieler Stadtwerke sollte daher signifikant gestiegen sein.
Eine punktgenaue Vorhersage des Gasmarktes, der Gas-Spot- und -Forwardpreise für einen zukünftigen Zeitraum ist nicht möglich. Die Herausforderung besteht also darin, einen risikoadjustierten, positiven Mehrwert der Preisbewegungen im Gashandel zu identifizieren.
Ermittlung der empirischen Volatilität der Gashandelspreise
Die empirische Volatilität von Kurven- und Spotpreisen kann einen Beitrag zur Berechnung des Value-at-Risk für jede Handelsentscheidung liefern. Die stochastische Dynamik eines Frontkontraktpreises kann durch den Mittelwert des durchschnittlichen Kontraktpreises in der Handelsperiode und dessen Konfidenzband, das mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit überschritten wird, charakterisiert werden.
Ganexo hat einen Algorithmus entwickelt, um diese Konfidenzband für jeden Frontkontrakt und zu jedem Zeitpunkt im Jahr darzustellen. Mithilfe der Ermittlung des empirischen Value-at-Risk können dann Maßnahmen ergriffen werden, um das finanzielle Risiko der gestiegenen Spotmarktexposition zu minimieren.
Risiken minimieren
Aktuell liegt das 95-Prozent-Konfidenzband für den THE Frontmonatskontrakt bei 45 Euro pro MWh. Heißt: Die empirische Wahrscheinlichkeit, dass der Kontrakt über diese Schwelle steigt, liegt bei fünf Prozent.
Aus empirischer Sicht ist das Abwärtsrisiko im Monat Mai für den Frontmonatskontrakt stärker ausgeprägt als das Risiko für steigende Preise. Dementsprechend liegt aktuell das Fünf-Prozent-Quantil für den Frontmonat am deutschen THE bei 27 Euro pro MWh.
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Warum der Aufbau von LNG-Überkapazitäten notwendig ist"
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.



