Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Diese Woche stiegen die Gaspreise an den europäischen Gasmärkten bislang auf den höchsten Stand seit Anfang März. In den letzten vier Wochen hat sich damit das durchschnittliche Preisniveau an den Spotmärkten um rund 100 Euro pro MWh oder 125 Prozent verteuert.

Am deutschen THE kletterte der Preis am Donnerstag für den Day-Ahead sogar auf mehr als 180 Euro pro MWh. Im Vergleich zum Vorjahr entsprach dies einem Plus von 500 Prozent. Gegenüber dem Pandemiesommer 2020, als Gas für fünf Euro pro MWh gehandelt wurde, waren es sogar 3000 Prozent mehr.

Fundamental keine wesentlichen Änderungen

Fundamental hat sich am Markt nichts Wesentliches gegenüber der Vorwoche verändert. Die Händler waren zu Beginn der Woche über die möglichen Streiks in Norwegen sehr besorgt. Bis zu 55 Prozent der norwegischen Gasexporte wären davon betroffen gewesen. Nach der Streitbeilegung erscheinen die Preisbewegungen lediglich als Hintergrundrauschen.

Die Sorge um einen Lieferstopp der russischen Gaslieferungen blieb auch diese Woche bislang das beherrschende Marktthema und sorgte für schrittweise steigende Risikoprämien. Die Prognosen der Analysten im Juni für den Fall eines russischen Lieferstopps im Juli gingen von 160 bis 250 Euro pro MWh. Die Rallye kann also durchaus noch weitergehen.

Comeback der chinesischen Nachfrage

Derzeit scheint die Devise zu gelten, die Speicher zu füllen – koste es, was es wolle –, auch um im Falle eines russischen Lieferstopps im Winter besser gewappnet zu sein. Das treibt die Preise.

Die Rückkehr der chinesischen Nachfrage lässt die asiatischen LNG Preise steigen. Insbesondere die Preise für den nächsten Winter haben sich am asiatischen JKM deutlich verteuert. Dennoch hat sich das Defizit gegenüber dem europäischen Markt vergrößert, da hier die Preise noch mehr gestiegen sind.

Knappes Gut LNG

Europa und Asien konkurrieren um das knappe Gut LNG.

In der laufenden Woche werden an den nordwesteuropäischen Häfen 19 LNG-Lieferungen erwartet. Neun Schiffe kommen aus den USA und jeweils fünf Lieferungen aus Russland und Katar.

Endkundenpreie von 20 bis 30 Cent pro kWh

Die Teuerungen am Großhandelsmarkt sind schon heute für viele private Endverbraucher spürbar. In den vergangenen zehn Jahren beliefen sich die Endkundenpreise auf rund sechs Cent pro kWh. Aktuelle Angebote auf Vergleichsportalen rangieren zwischen 20 und 30 cent/KWh, was ungefähr die aktuellen Großhandelspreise abdeckt.

Für einen privaten Endverbraucher mit einem Jahresverbrauch von 10.000 kWh verteuern sich damit schon jetzt die durchschnittlichen Gaskosten um rund 2000 Euro pro Jahr.

Riesige Kostenlawine

Das Preisrisiko bleibt weiterhin enorm. Selbst eine Verdopplung des aktuellen Preisniveaus ist bei einer weiteren Eskalation der Energiekrise nicht auszuschließen. Damit türmt sich für alle Endverbraucher eine riesige Kostenlawine auf.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Wie eng wird es im Winter? Mehrere Fragezeichen – und ein Hoffnungsträger" (aba)

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper