Die Sorgen um einen Lieferstopp treiben in dieser Woche weiter die Gaspreise nach oben. Die meisten Gashändler gehen davon aus, dass die Gasflüsse auf der Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Abschluss der Sommerwartung am 21. Juli im besten Falle auf das derzeitige reduzierte Niveau zurückkehren.
Faith Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), schloss in einem in dieser Woche auf Bloomberg veröffentlichten Kommentar einen kompletten Stopp russischer Gasexporte nach Europa nicht aus. Stelle Russland die Lieferungen endgültig ein, müsse Europa seinen Erdgasverbrauch um 30 Prozent drosseln.
Bericht zu Gasmengengerüst
Die Bundesnetzagentur veröffentlichte in der vergangenen Woche einen Bericht zum Gasmengengerüst für die nächsten zwölf Monate.
Die Modellierung unterstellt eine Verbrauchsreduktion um 20 Prozent von 1. Juli an und den Betrieb sogenannter schwimmender LNG-Terminals ab Januar 2023 mit einer Kapazität von 13 Mrd. Kubikmeter pro Jahr.
Lage bei Exporten
Eine Gasmangellage kann demnach nur vermieden werden, wenn Deutschland seine Exporte in die Nachbarländer (wegen der gesunkenen Nord-Stream-1-Gasflüsse) dementsprechend reduziert. Dazu müssten die Gasspeicher praktisch bis zur vollständigen Entleerung beziehungsweise technischen Grenze entleert werden.
Bleiben die deutschen Exporte konstant, wäre demnach eine Gasmangellage unvermeidlich. Im Worst-Case-Szenario entstünde ein Gasdefizit im Winter bereits von Dezember an in Höhe von insgesamt 107 TWh. In der Spitze könnten an den kältesten Tagen im Februar bis zu knapp 100 GWh pro Stunde fehlen.
Bedeutung von Energiesparen
Eine große Bedeutung kommt dem Energiesparen zu. Die Modellierung der Bundesnetzagentur setzt eine Verbrauchsverringerung von 20 Prozent voraus. Die Reduktion des Gaseinsatzes in der Stromerzeugung wird nicht ausreichen. Viele Länder appellieren daher die Haushalte zum Energiesparen, mit Verweis auf die Energiesituation, der Klimaauswirkungen und des eigenen Geldbeutels.
Laut einem Statement der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen könnte die Senkung der Raumtemperaturen europaweit um zwei Grad Celsius die Gasimporte über Nord Stream 1 ersetzen.
Schwimmende LNG-Terminals
Ein großes Fragezeichen gibt es auch zur Inbetriebnahme der schwimmenden LNG-Terminals in Deutschland. Die geplante Kapazität von 13 Mrd. Kubikmeter pro Jahr errechnet sich aus zwei geplanten schwimmenden LNG-Terminals in Schleswig-Holstein und Niedersachsen.
Allerdings liegt derzeit nur für das Terminal in Wilhelmshaven eine klare Umsetzungsperspektive vor. Für die zweite Anlage und auch die stationären Terminals fehlen derzeit noch klare Investitionsentscheidungen. Unklar bleibt weiterhin, ob der Anlandepunkt von Nord Stream 2 in Lubmin in eine Anlandung von Flüssigerdgas umgebaut werden kann.
Hoffnungsträger USA
Der Wettbewerb um LNG wird in den nächsten Monaten die Gaspreise in Europa weiterhin hoch halten. Die Kapazitäten sind limitiert. Das Emirat Katar wird wohl erst ab 2024 größere Lieferungen nach Europa bringen können.
Die Hoffnungen ruhen auf den USA, die einer der großen Profiteure der europäischen Energiekrise sind. Das Land konnte seit Beginn des russischen Krieges seine Exporte nach Europa gegenüber dem Vorjahr um 75 Prozent steigern.
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Alternative zu Russland? Der zweifelhafte Ruf des Gaslieferanten Aserbaidschan" (aba)
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.



