Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Die Gaspreise reagieren in dieser Woche auf die winterlichen Temperaturen, die kalten Wetterprognosen und die geringe Windstromeinspeisung. Mit Preisen am deutschen THE um die 150 Euro pro MWh für den Day-Ahead ist das Preisniveau gegenüber der Vorwoche rund 16 Euro pro MWh gestiegen, gegenüber dem Vormonat sogar um knapp 68 Euro pro MWh.

Die Wetterprognosen wurden in den vergangenen Tagen fast täglich weiter nach unten korrigiert. Mittlerweile erwarten wir bis Mitte der nächsten Woche in Deutschland Tagesmittel bei vier Grad Celsius unter Null und damit rund sechs Grad unter dem saisonalen Durchschnitt. Auch die Prognosen bis Weihnachten zeigen nun Temperaturen um die Nullgradgrenze und damit mindestens zwei Grad unter der saisonalen Norm.

Windstromproduktion dürfte wieder anziehen

Nachdem in den vergangenen zehn Tagen die Windstromeinspeisung sehr gering gewesen ist, sollte sich die Produktion den jüngsten Prognosen zufolge bis Mitte der nächsten Woche wieder erholen. Es wird erwartet, dass die Windstromproduktion dann wieder auf die saisonalen Norm zurückkehrt.

Mit Blick auf die Produktion in den nordwest-europäischen Ländern entspräche dies einer Einspeisung von rund 750 GWh pro Tag (Vorwoche 350 GWh pro Tag). Mit steigender Windkrafteinspeisung sinkt die Nachfrage nach Erdgas zur Stromerzeugung.

Fünf Indikatoren zur Gasversorgungslage

Die Bundesnetzagentur hatte Ende November erstmalig Indikatoren zur Lage der Gasversorgung veröffentlicht. Dies dient der Bewertung, ob akut eine Gasmangellage droht oder nicht. Das kontinuierliche Monitoring soll dazu dienen, rechtzeitig Maßnahmen zu ergreifen und gegensteuern zu können.

Die Indikatoren sind: Temperaturprognose, Gasverbrauch temperaturbereinigt, Speicherfüllstände, Situation in den Nachbarländern und die Beschaffung der Regelenergie. Die Bewertung der Lage erfolgt für jeden Indikator in den Stufen "stabil", "angespannt" und "kritisch".

Temperaturprognose "kritisch"

Der Indikator Temperaturprognose ist in dieser Woche nun auf die Stufe "kritisch" gesprungen. Nach Definition der Bundesnetzagentur entspricht diese Stufe einem Gasmehrbedarf von zwei TWh pro Woche.

Über den gesamten Winter würde dies einem Mehrgasverbrauch von 44 TWh (18 Prozent der maximalen Speicherkapazität) entsprechen, der zusätzliche Einsparungen oder höhere Importe ausgeglichen werden muss.

Terminkurve weiterhin sehr flach

Auch wenn sich die Preise am Terminmarkt zuletzt verteuert haben, handelt die Terminkurve weiterhin sehr flach auf dem Niveau des Prompts bis Winter 2023. Das derzeitige Preisniveau für das erste Quartal 2023 ist allerdings auch auf diesem hohen Niveau trügerisch. Die jüngsten Wettersimulationen der Prognosedienste deuten auf einen normalen bis leicht kälter als normalen Winter im ersten Quartal 2023 hin.

Wenn es jedoch richtig kalt wird, dann könnten die Gasspeicherstände bis April sich nicht auf rund 40 bis 45 Prozent, sondern vielleicht auf unter 25 Prozent entleeren.

Gashorten im ersten Quartal 2023?

Speicherfüllstände von weniger als 25 Prozent würden die Chancen auf eine ausreichende Befüllung für den nächsten Winter deutlich mildern. Dementsprechend würde die Bereitschaft, höhere Preise noch im laufenden Winter zu akzeptieren, steigen.

Viele Marktteilnehmer könnten daher im ersten Quartal 2023 bereits eine hohe Bereitschaft zeigen, so viel Gas wie möglich zu horten. Damit würde die Wahrscheinlichkeit steigen, dass wir im ersten Quartal 2023 auch über längere Zeiträume Preise von über 200 Euro pro MWh sehen könnten.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Wind und Wetter: Warum die Gaspreise wieder nach oben klettern"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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