Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Die Unsicherheit über die Preisentwicklung in den nächsten Monaten ist groß. Mögliche bearishe und bullishe Szenarien liegen weit auseinander. Das macht es den Einkäufern derzeit so schwer, die richtige Entscheidung zu treffen.

Zu Unwägbarkeiten über die Entwicklung der Temperaturen im Winter, die traditionell zu diesem Jahreszeitpunkt den Handel an den Gasmärkten prägen, kommen diesmal gewichtige wirtschaftliche und politische Faktoren, die komplett unterschiedliche Szenarien ergeben.

Breiter Preiskorridor denkbar

Zieht man die bisher historisch maximale Schwankungsbreite der Märkte in einem Winter heran, ergibt sich ein sehr breiter Korridor für mögliche Preisszenarien. Im für Käufer besten Fall könnten die Gaspreise im Winter auf 80 Euro pro MWh oder tiefer fallen, im schlechtesten Fall sind Preisspitzen von bis zu 500 Euro pro MWh denkbar.

Es ist unmöglich vorherzusagen, ob der kommende Winter wärmer oder kälter als normal sein wird. Sollten die nächsten Wochen kühler als üblich werden, könnten die Gas- und Strompreise hoch bleiben oder sogar weiter steigen.

Niederschläge und Wind

Werden die Niederschläge in den nächsten Wochen ausreichen? Der heiße und trockene Sommer sorgte für niedrige Pegel in den Wasserspeichern und verringerte die Stromproduktion von Wasserkraftwerken. Die niedrigen Wasserstände brachten Probleme bei der Verschiffung von Kohle und der Kühlung der Kernkraftwerke.

Wie entwickelt sich der Wind? Viel Wind im Herbst erhöht die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien und verringert die Nachfrage nach Kraftwerksgas zur Stromerzeugung.

Unsicherheit um Ukraine-Route

Die aktuell hohen Gaspreise sind eine direkte Folge des russischen Kriegs in der Ukraine und der gekürzten beziehungsweise gestoppten russischen Gaslieferungen. Aus geopolitischer Sicht spricht aktuell viel dafür, dass der Krieg den Winter hindurch andauern wird. Wenig spricht dafür, dass Russlands Präsident Wladimir Putin den Gashahn wieder aufdreht.

Auch wenn die russischen Pipeline-Importe in die EU zuletzt auf unter 15 Prozent gefallen waren, würde ein Stopp des Ukraine-Transits die Lage weiter eskalieren. Die Folge wären wohl neue Preissprünge.

Industrie und Haushalte

Die Gasnachfrage der Industrie lag im August knapp 22 Prozent unter dem Fünfjahresmittel. Bleiben die Gaspreise den Winter hindurch auf Rekordniveau, könnte sich die Nachfragezerstörung auch auf die Gesamtnachfrage ausweiten. Haushalte bezahlen schon jetzt knapp 120 Prozent mehr für Erdgas als im Vorjahr und werden zwangsläufig die Heizung im Winter herunterdrehen.

Die Reduzierung der Gesamtnachfrage kann dazu durch staatliche Maßnahmen wie Preisobergrenzen, konkrete Einsparmaßnahmen etwa bei Beheizung Beleuchtung oder verringerte Mehrwertsteuersätze gesteuert werden. Die nationalen Maßnahmen in den einzelnen EU-Ländern sind bisher jedoch nicht einheitlich.

Fracking zurück in der Debatte

Die hohen Gaspreise bringen auf der Angebotsseite Themen zurück, die bisher zu teuer erschienen oder keine Lobby hatten. Dazu zählt natürlich zunächst der wichtige und richtige Ausbau der europäischen LNG-Importkapazitäten.

Leider wurde zuletzt jedoch auch wieder diskutiert, ob alter Gasfelder wiederbelebt werden sollten. Auch die Rückkehr des leidigen und falschen Themas Fracking in Deutschland schaffte es zurück auf die Tagesordnung.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Temperatursturz lässt Gasverbrauch steigen – mit Ausnahme eines Bereichs".

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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