Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Die Gaspreise zeigen sich in dieser Woche durch die Kältephase nur geringfügig gestützt. Der Markt ist gut versorgt und mit dem Beginn der Sommer- und Einspeicherungssaison werfen wir einen Blick auf das Marktumfeld und die kommenden Monate.

Die Gaspreise am niederländischen TTF sind im Vergleich zum Vorjahr um fast 60 Prozent gefallen und pendelten zuletzt um die 50 Euro pro MWh. Rechnet man dies in international gebräuchliche Einheiten um, so entspricht das einem Gaspreis von rund 15 US-Dollar pro mmbtu.

Gaspreise in Nordamerika und Asien

Am US-Handelspunkt Henry Hub kostet Erdgas derzeit rund 2,50 US-Dollar pro mmbtu. Damit haben sich die Preise in den USA im Vergleich zum Vorjahr halbiert. Im März fielen sie zeitweise sogar unter zwei US-Dollar pro mmbtu. An der Börse in Adelaide, Australien, wurde Erdgas zuletzt zu rund sieben US-Dollar pro mmbtu gehandelt.

Auch in Asien folgten die Preise einer ähnlichen Entwicklung und sanken im Jahresvergleich um rund 60 Prozent. Am asiatischen JKM notierte der Frontmonat zuletzt bei rund 13,50 US-Dollar pro mmbtu.

Einspeicherungen unter Fünfjahresmittelwert

Die Gasspeicher in der EU sind mit 55 Prozent zu Beginn der Einspeicherungssaison auf Rekordniveau gefüllt. Um das 90-Prozent-Ziel der EU zu erreichen, müssen 385 TWh Erdgas bis zum 1. November 2023 in die europäischen Gasspeicher eingespeichert werden.

Bisher liegen die täglichen Einspeicherungen mit zuletzt rund 700 GWh pro Tag deutlich unter dem Fünfjahresmittelwert. Zum Vergleich: Im Vorjahr wurden zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 2000 GWh pro Tag eingelagert. Bleibt der April weiterhin kalt, könnten auch die Einspeicherungen weiterhin hinter der Norm zurückbleiben.

Nachfragebelebung in China

Die Gasnachfrage in der EU liegt in diesem Jahr bisher 19 Prozent unter dem Fünfjahresmittel. Das LNG-Angebot ist weiterhin üppig und liegt bisher knapp 40 Prozent über dem Benchmark. Es wird den Sommer hindurch ganz wesentlich davon abhängen, dass die Nachfrageeinsparungen aufrechterhalten werden und das LNG-Angebot hoch bleibt.

Aus China zeichnet sich eine gewisse Nachfragebelebung ab. Die LNG-Importe stiegen in den vergangenen Wochen um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, blieben aber deutlich unter dem Niveau von 2021. Setzt sich dieser Trend fort, bedeutet dies weniger LNG oder steigende Gaspreise in Europa.

Wettbewerbsfähigere Gaskraftwerke

Die Gaspreise sind nun in den Bereich der Umstellung von Kohle auf Gas gefallen. Die Gaspreise notieren damit in einem Bereich, in dem der Betrieb deutscher Gas- und Dampfturbinenkraftwerke mit einem Wirkungsgrad von 50 Prozent rentabler wurde als der Betrieb der Braunkohlekraftwerke mit niedrigem Wirkungsgrad in Deutschland.

Um gegenüber Braunkohlekraftwerken mit mittlerem Wirkungsgrad wettbewerbsfähig zu sein, müssten die Gaspreise voraussichtlich unter 40 Euro pro MWh sinken. Dies könnte in Deutschland eine zusätzliche Gasnachfrage zur Stromerzeugung von circa 200 GWh pro Tag hebeln. Das entspräche fünf bis zehn Prozent der Gesamtnachfrage.

Stabile Gaslieferungen aus Norwegen

Zusammen mit der voraussichtlich steigenden Nachfrage der europäischen Industrie, könnte die höhere Gasnachfrage zur Stromerzeugung die Erfüllung der Speicherziele komplizierter machen.

Norwegen ist für die EU der wichtigste Pipelinelieferant. Das Angebot aus dem skandinavischen Land ist derzeit stabil und auf sehr hohem Niveau. Ungeplante Wartungsarbeiten, aber auch Ausfälle aufgrund von Attacken oder Anschlägen würden die europäische Gasversorgung empfindlich treffen.

Rolle russischer Gasflüsse

Die russischen Gaslieferungen über die Pipelines in der Ukraine und Türkei bewegen sich seit vielen Wochen recht konstant zwischen 600 und 800 GWh pro Tag. Auch wenn die russischen Gasflüsse damit um rund 80 Prozent zurückgegangen sind, würde ein völliges Versiegen der Gasflüsse ein starkes Preissignal auslösen.

Der Anteil der russischen LNG-Exporte an Russlands gesamten Gasexporten lag bis Ende des Jahres 2021 bei zehn bis 20 Prozent. Wegen des starken Rückgangs der Pipelinelieferungen und einer Verdopplung der LNG-Exporte gegenüber dem Vorjahr (plus 4,2 Mrd. Kubikmeter) lag der LNG-Exportanteil zuletzt bei mehr als 50 Prozent.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Blick zurück: Wie viel Gas hat Europa diesen Winter wirklich eingespart?"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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