Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Die Gasmärkte haben sich in dieser Woche im Vergleich zur Vorwoche ein wenig beruhigt. Die Debatte, was nach dem möglichen Wegfall russischer Gaslieferungen passieren würde, ging jedoch weiter.

Gashändler sind sich uneins, wie sich dies auf Preis und Gasflüsse auswirken könnte.

35 bis über 40 Euro pro MWh

Einige Händler argumentierten, dass die Gaspreise auf mindestens über 40 Euro pro Megawattstunde (MWh) steigen könnten. Insbesondere die deutsche Gasspeicherumlage würden Importe Österreichs aus Deutschland verteuern, hieß es. Am Donnerstag gab die Bundesregierung bekannt, die Umlage an den Grenzübergangspunkten mit den Nachbarländern abschaffen zu wollen. (Hier mehr dazu.)

Andere meinten, dass beim Preisniveau von 35 Euro pro MWh dieses Risiko bereits weitgehend eingepreist wäre.

Mögliche Lieferkürzungen

Der österreichische Energiekonzern OMV hatte per Remit-Meldung in der vergangenen Woche mitgeteilt, dass ein Lieferstopp russischen Erdgases nach Österreich den Ausfall von stündlich bis zu 7,5 Gigawattstunden (GWh/h) bedeuten würde.

Würde sich das Schiedsgerichtsverfahren gegen Gazprom auf weitere Länder wie zum Bespiel die Slowakei ausdehnen, könnten bis zu zehn GWh pro Stunde Gas weniger fließen.

Gaspreise in Österreich bleiben erhöht

Die Gaspreise am österreichischen Handelspunkt CEGH verteuerten sich seit der OMV-Ankündigung in Relation zum deutschen THE. Notierten die Terminprodukte Sommer-25 und Winter-25 am CEGH vor der Ankündigung noch in einem Spread von rund 0,5 Euro pro MWh, so hält sich der Spread seitdem bei circa 1,6 Euro pro MWh.

Ein höherer Location-Spread zum CEGH ergibt auch durchaus Sinn, da die Auswirkung eines russischen Lieferstopps vorwiegend in Österreich durch mehr und verteuerte Importe spürbar wäre. Das Preisrisiko für die Handelspunkte THE (Deutschland) und TTF (Niederlande) dürfte deutlich geringer sein.

LNG-Importe bleiben schwach

Die LNG-Aussendungen sanken in dieser Woche mit rund 2800 GWh pro Tag auf den tiefsten Stand seit Dezember 2021. Auch in Großbritannien zeigt sich die LNG-Regasfizierung mit circa 300 GWh pro Tag sehr schwach.

Das belgische LNG-Terminal in Zeebrugge ist im Mai bislang nur zu 37 Prozent ausgelastet. Die Auslastung liegt damit 30 Prozent unter dem Fünf-Jahres-Durchschnitt. Das niederländische Rotterdam-Gate-Terminals ist bislang immerhin noch zu 70 Prozent ausgelastet. Im Vormonat waren es aber noch 93 Prozent.

Rückläufiges LNG-Angebot

Vergleichsweise schwach zeigt sich auch die LNG-Nachfrage in China, Japan und Südkorea. Gründe sind das rückläufige Angebot aus Katar und Australien sowie der zu verzeichnende Nachfragerückgang bei einem Preisniveau von mehr als zwölf US-Dollar pro MMBtu (circa 35 Euro pro MWh).

Sollten sich die Gaspreise weiterhin bei 35 bis 40 Euro pro MWh oder darüber halten, erwarten wir in Europa und Asien einen Rückgang der industriellen Gasnachfrage.

Pipelines stabil, Einspeicherungen schwach

Wegen der Hitzewelle in Indien steuern die LNG-Importe dort jedoch auf ein neues Jahreshoch zu. Bis zum 29. Mai importierte Indien bereits 31 LNG-Lieferungen. Im Januar waren es 33 Frachten – der bisherige Jahresspitzenwert.

Das Gasangebot per Pipelines zeigt sich in dieser Woche im Vergleich zur Vorwoche ausgeglichen. Die norwegischen Gaslieferungen stabilisierten sich bei zuletzt rund 290 Mio. Kubikmeter pro Tag. Die wartungsbedingten Kürzungen lagen bei rund 64 Mio. Kubikmeter. Die erste Wartungsperiode soll laut Plan am nächsten Dienstag weitgehend abgeschlossen sein.

Kleines Minus bei Einspeicherungen

Ansonsten liegen die Gasimporte auf den Pipelines aus Russland, Algerien und Aserbaidschan mit jeweils rund 1000 GWh pro Tag beziehungsweise rund 370 GWh pro Tag stabil auf dem Niveau der Vorwoche.

Die Einspeicherungen in die Gasspeicher der EU-Länder zeigten sich auch in dieser Woche mit circa 2900 GWh pro Tag deutlich unter dem Fünf-Jahres-Durchschnitt (4400 GWh pro Tag). Die Speicher sind zu 69 Prozent gefüllt. Das ist im Vergleich zum Vorjahr zum ersten Mal seit vielen Wochen ein kleines Minus von 0,3 Prozentpunkten.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: Gaspreise erreichen Fünf-Monats-Hoch

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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