Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Bisher verläuft der Winter deutlich wärmer als im langfristigen Durchschnitt. Das durchschnittliche Tagesmittel in Deutschland liegt seit 1. Oktober bei rund 7° C, mehr als 2 Grad über der saisonalen Norm. Im laufenden Monat Februar ist bisher die Abweichung mit über 5 Grad sogar deutlich extremer.

Im laufenden Winter liegt die Gasnachfrage Europas bisher bei rund 1900 TWh, rund 17 Prozent weniger als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Der milde Februar sorgte bislang sogar für einen Rückgang von 25 Prozent gegenüber dem Fünf-Jahresmittel. Im Vergleich zum kälteren Vormonat Januar wurde bisher im Februar rund 26 Prozent weniger Erdgas verbraucht.

Gesunkene Kohle- und CO2-Preise

Zu Beginn des Winters lagen die Marktpreise für die Kontrakte des Jahres 2024 bei rund 45-47 Euro pro Megawattstunde (MWh). Wer sich zum damaligen Preisniveau eingedeckt hat, liegt mit diesen Positionen nun deutlich über dem Marktpreis – ein Mark-to-Market-Verlust von rund 45 Prozent.

Die seitdem gesunkenen Preise für Kohle und CO2 haben den Kohle-Gas-Switch deutlich nach unten verschoben. Der Strompreis sank von rund 130 Euro/MWh auf 60 Euro/MWh, CO2 von 80 Euro pro Tonne (t) auf 55 Euro/t und der Kohlepreis von rund 125 USD/t auf 90 USD/t.

Switching Preisuntergrenze nach unten verschoben

Die Preisuntergrenze, an der Gaskraftwerke mit 40 Prozent Wirkungsgrad den Vorzug vor Kohlekraftwerken in der Merit-Order erhalten, lag zu Beginn des Winters bei rund 28 Euro/MWh. Die gesunkenen Kohle- und CO2-Preise verschoben diese Preisuntergrenze zuletzt auf rund 20 Euro/MWh.

Das bedeutet, dass spätestens ab einem Preisverfall an die 20 Euro/MWh-Marke ein signifikanter Nachfrageimpuls vom Strommarkt die Gaspreise gegen einen weiteren Verfall abstützen sollte.

Starker Preisverfall im Februar unüblich

Schaut man auf die Preisentwicklungen im Monat Februar der letzten 11 Jahre, so ist der aktuell zu beobachtende starke Preisverfall zwar unüblich aber nicht außerhalb der zu erwartenden statistischen Grenzen.

Aus statistischer Sicht liegt jedoch die Wahrscheinlichkeit für eine Fortsetzung der Abwärtsbewegung (24-20 Euro/MWh) nur bei fünf Prozent. Viel wahrscheinlicher aus Sicht dieser Methodik ist daher kurzfristig eine Erholung im Bereich 26-30 Euro/MWh.

Gesunkene LNG-Preise

Die Preise am amerikanischen HenryHub haben sich seit Beginn des Winters von 3,50 USD/MMBtu (≈11 EUR/MWh) auf 1,80 USD/MMBtu (≈6 Euro/MWh) rund halbiert. Die Preise am asiatischen JKM lagen zuletzt bei rund 9 USD/MMBtu (≈29 Euro/MWh), zu Beginn des Winters bei rund 15 USD/MMBtu (≈47 Euro/MWh).

Die ICE LNG (Spark) Futures lagen zuletzt sogar unter 8 USD/MMBtu. Ein weiterer Verfall des globalen Gaspreises unter 8 USD/MMBtu ist nach Ansicht vieler Analystenhäuser eher unwahrscheinlich.

LNG Nachfrage sollte Gaspreise stützen

Die meisten Modellanalysen sehen einen ausgeglichenen globalen Gasmarkt derzeit eher zwischen 10-12 USD/MMBtu, was einem Marktpreis auf dem europäischen Gasmarkt von mindestens 30 Euro/MWh entspräche.

Die LNG-Importe von China, Japan, Korea, Taiwan und Indien liegen im laufenden Monat mit insgesamt 110 Lieferungen ungefähr auf dem Niveau des Vorjahresmonats. In Europa sind bisher nur 57 Lieferungen angekommen (Februar 2023: 133 LNG-Lieferungen). Weiter sinkende europäische Gaspreise würden daher mehr LNG-Lieferungen nach Asien umleiten.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Ein Blick zurück zeigt, Gaspreise können auch noch im März hochschnellen".

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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