Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Die Gaspreise zeigen sich in dieser Woche gestützt durch wartungsbedingt reduzierte Gasflüsse aus Norwegen, rückläufige LNG-Importe und eine schwache Windstromproduktion, was die Gasnachfrage auf dem Strommarkt treibt.

Wegen der geplanten Wartungen an der Anlage in Kollsnes und am Gasfeld Troll sollten sich die norwegischen Gasflüsse auch in der nächsten Woche knapp unter 300 Mio. Kubikmeter halten. Das sind rund 50 Mio. Kubikmeter weniger als vor Beginn der Wartungssaison.

Zwei große Wartungsphasen

Die erste Phase der Wartungen in Norwegen soll Anfang Juni abgeschlossen sein, mit wartungsbedingten Kürzungen zwischen durchschnittlich 30 und 70 Mio. Kubikmeter pro Tag. Die zweite große Wartungsphase beginnt Mitte August und endet Mitte Oktober. Die geplanten Kürzungen betragen Mitte September in der Spitze bis zu 176 Mio. Kubikmeter.

Die norwegischen Ölfirmen haben sich am Mittwoch mit den Arbeitern auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt. Damit sind zunächst mögliche Streiks abgewendet, die die Gaslieferungen nach Europa in den nächsten Monaten beeinträchtigen hätten können.

Gazprom macht ersten Verlust seit 1999

Gemäß des jüngsten Finanzreports der russischen Gazprom machte das Unternehmen in 2023 einen Verlust von 7,4 Mrd. US-Dollar. Gazprom war damit nicht in der Lage, die Absatzrückgänge auf dem europäischen Markt durch zusätzliche Verkäufe nach China und Zentralasien auszugleichen.

Wenn die Rentabilität des russischen Markts anscheinend nicht ausreicht, um die Investitionskosten zu decken, stellt sich die Frage, wie sich dies auf die Pläne Russlands auswirkt, seine LNG-Exportkapazitäten deutlich auszubauen. Russland will bis 2030 seine Exportkapazität von zuletzt 30 auf 110 Mio. Tonnen LNG pro Jahr (mtpa) erhöhen.

Russische Gasproduktion zuletzt gestiegen

Gazprom plant, für den Winter 2024/2025 rekordhohe Gasspeichermengen in russischen und belarussischen Speichern in Höhe von 73 Mrd. Kubikmeter anzulegen.

Im ersten Quartal 2024 stieg zum ersten Mal seit zwei Jahren die russische Gasproduktion gegenüber dem Vorjahr um fast zehn Prozent (plus 16 Mrd. Kubikmeter).

Einerseits legte die inländische Heizgasnachfrage insbesondere wegen Kältespitzen im Januar zu. Andererseits stiegen die Exporte nach China ( plus 2 Mrd. Kubikmeter), die LNG-Exporte (plus zehn Prozent) und die russischen Pipelinegaslieferungen nach Europa (plus 25 Prozent, 2,8 Mrd. Kubikmeter).

Russische Gasexporte über Turkstream-Pipeline

Ab 2025 ist derzeit nicht davon auszugehen, dass russisches Gas durch die Ukraine fließen wird. Russisches Gas würde dann per Pipeline nur noch über die Turkstream-Pipeline nach Bulgarien in die EU geliefert werden können.

Das türkische Erdgastransportunternehmen Botas teilte kürzlich mit, dass ab 2025 eine signifikante Erhöhung der Transportkapazität am türkisch-bulgarischen Interkonnektor Strandzha/Malkoclar von derzeit 11 Mrd. Kubikmeter auf 45 Mrd. Kubikmeter geplant ist.

Abkehr von russischem Gas

Die G7-Staaten verpflichteten sich auf ihrem letzten Gipfel in Turin, so schnell wie möglich auf eine Abkehr  von russischem Erdgas hinzuarbeiten, um die Ukraine zu unterstützen. Dies soll durch steigende LNG-Importe und einen weiteren Ausbau der Energieinfrastruktur erreicht werden.

Die EU-Kommission hat eine Verordnung ausgearbeitet, die verhindern soll, dass russisches LNG an europäischen LNG-Terminals umgeladen werden kann. Damit die Sanktion in Kraft treten kann, bedarf es jedoch der Zustimmung aller Mitgliedsstaaten. Weder für die G7-Verpflichtung noch für den Entwurf der EU-Kommission liegen bisher konkrete Umsetzungsdaten vor.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: Gestiegenes LNG-Angebot und hohe Ausspeicherungen im April

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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