Am Mittwoch ging es wieder in die andere Richtung auf den Gasmärkten. An Europas liquidestem Handelsplatz TTF fielen die Preise für den Liefermonat September in nicht einmal vier Stunden von 43 auf 37 Euro pro MWh. Auch die Winterprodukte entfernten sich wieder von der 60-Euro-Marke.
Dabei gingen die Blicke einmal mehr Richtung Australien, wo von 2. September an Beschäftigte wichtige LNG-Terminals bestreiken könnten. Australien war im vergangenen Jahr der drittgrößte Flüssigerdgasexporteur weltweit. Das Land beliefert vor allem asiatische Kunden. Diese könnten aber im Falle von Arbeitsniederlegungen verstärkt für Europa vorgesehene US-Gasmengen ordern.
Sonderangebot für "relevante Beschäftigte"
Am Mittwochmorgen berichtete der Nachrichtendienst Montel, dass Energieriese Chevron seinen Mitarbeitern ein Sonderangebot unterbreitet habe, um den Lohnstreit zu beenden und einen Streik zu verhindern. Dabei soll es um eine Vereinbarung für "relevante Beschäftigte" an den australischen LNG-Anlagen Gorgon und Wheatstone gehen.
Indessen dauerten separate Gespräche des australischen Unternehmens Woodside mit Beschäftigten eines dritten australischen LNG-Terminals bei Redaktionsschluss weiter an. Kommt es hier zu keiner Einigung, könnte die entsprechende Anlage bereits am 2. September bestreikt werden.
Shell-Managerin: Märkte haben etwas überreagiert
Am Mittwoch äußerte sich auch der britisch-niederländische Energieriese Shell zur Lage. Die Märkte in Nordasien und Europa seien mit Blick auf Angebot und Nachfrage gut ausgeglichen, sagte Managerin Zoe Yujnovich laut Nachrichtenagentur Reuters vor Journalisten und verwies beispielsweise auf die hohen Gasspeicherfüllstände. Die deutschen Speicher sind mittlerweile im Schnitt zu gut 93 Prozent voll.
Es sei zuletzt nicht zu signifikanten Preisabsicherungen oder veränderten Einkaufsstrategien gekommen, führte Yujnovich aus. Aus ihrer Sicht hätten die Märkte weltweit etwas überreagiert.
Risikofaktor China-Gasverbrauch
Die Shell-Managerin gab allerdings zu, dass die LNG-Märkte durchaus "herausfordernd" werden könnten, wenn Chinas Gasverbrauch spürbar nach oben ginge und Europa in den kommenden Monaten einen kalten Winter erlebe.
Eine entscheidende Rolle schrieb zuletzt auch die Internationale Energie-Agentur China zu. Die Volksrepublik habe Europa als globaler "Ausgleichsmarkt" abgelöst, notierte sie in einem Report, der das erste Halbjahr 2022 in den Fokus nahm, aber auch einen Ausblick auf die kommenden Monate bot.
China-Konjunktur schwächelt
Habe Europa früher von flexiblen russischen Pipelinelieferungen, Brennstoffwechselpotential hin zu Kohle im Stromsektor, vielen LNG-Terminals und Gasspeichern profitiert, sei es im vergangenen Jahr China gewesen, das mit 20 Prozent weniger Gasimporten erhebliche Mengen für den Weltmarkt freigemacht habe.
Zuletzt schwächelte die Konjunktur in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, was bedeuten könnte, dass Chinas Industrie weniger Gas benötigt als vermutet. Wie viel Energie das Land in den nächsten Monaten tatsächlich verbraucht, hängt aber auch davon ab, wie heiß noch der Restsommer und wie kalt der kommende Winter in der Volksrepublik werden. (aba)



