Blick auf den EWE-Gasspeicher in Huntorf (Niedersachsen).

Blick auf den EWE-Gasspeicher in Huntorf (Niedersachsen).

Bild: © EWE

Die Lage am deutschen Gasmarkt hat sich am Montagabend wieder zugespitzt. Grund waren einmal mehr angekündigte Lieferkürzungen des russischen Energiekonzerns Gazprom über die Ostseepipeline Nord Stream 1.

Es stelle ein weiteres Gasturbinentriebwerk ein, teilte das Unternehmen mit. In der Folge werde die Tagesleistung von Mittwoch, 27. Juli, an bis zu 33 Mio. Kubikmeter ausmachen. Das entspricht etwa 20 Prozent der üblichen Liefermenge.

"Keinen technischen Grund für Reduktion"

Eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums konterte prompt. "Es gibt nach unseren Informationen keinen technischen Grund für eine Reduktion der Lieferungen", teilte sie mit.

Tatsächlich hatte Russlands Präsident Wladimir Putin bereits vergangene Woche mit einer Lieferkürzung auf 20 Prozent gedroht. Damals war noch von keiner neuen fehlerhaften Turbine die Rede.

Streit um alte Turbine

Zudem reagierte die Ministeriumssprecherin auf die Behauptung Gazproms, dass die von Siemens Energy ausgehändigten Exportdokumente zu einer zweiten Turbine nicht ausreichten, um vorhandene Risiken zu zerstreuen. Russland behauptet, die in Kanada gewartete und nun auf dem Weg nach Russland befindliche Turbine falle unter EU-Sanktionsrecht. Für eine Rückkehr sei deswegen eine Ausnahmagenehmigung erforderlich.

Die Ministeriumssprecherin stellte dagegen klar: "Die sanktionsrechtlichen Genehmigungsvoraussetzungen für die Auslieferung der in Rede stehenden Turbine liegen vor. Kanada hat die nach kanadischen Recht notwendige Ausnahmegenehmigung erteilt. Nach dem EU-Sanktionsrecht ist keine Ausnahmegenehmigung erforderlich."

Gaspreise schnalzen nach oben

Die Gazprom-Ankündigungen ließen die Gaspreise im Großhandel nach oben schnalzen. 1 MWh Gas für den Liefermonat August kostete innerhalb weniger Minuten zehn Euro mehr und notierte am späten Nachmittag bei mehr als 175 Euro (Handelspunkt TTF). Das vierte Quartal wurde sogar für fast 180 Euro pro MWh gehandelt.

In den vergangenen Tagen hatte sich die Gasmarkt etwas entspannt, auch weil die Gasspeicherfüllstände wieder deutlicher stiegen. So betrug der Zuwachs allein am Samstag 0,39 Prozentpunkte. Damit waren die deutschen Speicher im Schnitt zu 65,9 Prozent voll.

Rehden reißt wohl 75-Prozent-Marke

Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, hatte aber zuvor bereits gewarnt, dass trotzdem die neuen Füllstandsziele der Bundesregierung zum Teil unrealistisch seien. Wenn es dabei bleibe, dass durch die Gaspipeline Nord Stream 1 40 Prozent der Lieferkapazität fließe, seien im besten Fall maximal 80 bis 85 Prozent zu erreichen, sagte er bei einem Krisengipfel der baden-württembergischen Landesregierung nach Angaben von Teilnehmern.

Tatsächlich dürfte der größte Gasspeicher auf deutschem Boden im niedersächsischen Rehden noch nicht einmal die 75-Prozent-Marke am 1. September knacken können. Um diesen Füllstand zu erreichen, würden selbst bei voller Nutzung der Einspeicherleistung mindestens sechs weitere Wochen verstreichen.

Drei neue THE-befüllte Speicher

Auch der bayerische Speicher Wolfersberg dürfte die 75-Prozent-Marke verfehlen. Sowohl Wolfersberg als auch Rehden werden im Moment im Auftrag der Bundesregierung vom Gas-Marktgebietsverantwortlichen THE befüllt. Das Unternehmen soll zudem die Befüllung der Speicher Peissen (Sachsen-Anhalt), Nüttermoor H3 und Jemgum (Niedersachsen) übernehmen.

Insgesamt können 17 der 22 deutschen Speicherbetreiber, die auf der Website des Branchendiensts AGSI+ gelistet sind, Füllstände von insgesamt mehr als 80 Prozent vorweisen. Die Speicher der beiden größten Speicherbetreiber Uniper (insgesamt Füllstand von 53 Prozent) und Astora (41 Prozent) liegen dagegen teils weit unter dem Bundesdurchschnitt. In Uniper-Speicher wurde zuletzt aber wieder netto mehr Gas ein- als ausgelagert.

Zusätzliche Anstrengung vonnöten

Das Ziel der Bundesregierung und der Netzagentur sei es, 20 Prozent Gas einzusparen, um sich für den Winter vorzubereiten, erklärte Müller. "Wir liegen im Moment bei etwa 14 Prozent Einsparung. Ohne zusätzliche Anstrengung kommen wir da im Winter nicht hin."

Baden-Württemberg und Bayern sind von den russischen Gaslieferkürzungen besonders betroffen. Sie verfügen über eine gashungrige Industrie, haben aber im Gegensatz zum Nordwesten des Landes kaum eigene Speicherreserven.

Söder alarmiert

Die Industrie wolle wissen, ob der Süden bei einer Notfallverteilung von Gas gegenüber dem Norden benachteiligt werde, es seien "große Ängste" im Spiel, warnte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Der Grünen-Politiker will für den Fall vorbeugen, dass Russland seine Gaslieferungen an Deutschland weiter drosselt.

Kretschmanns bayerischer Amtskollege Markus Söder (CSU) forderte die Bundesregierung auf, die Gasversorgung Bayerns und anderer Bundesländer aus dem österreichischen Speicher Haidach zu klären. Er reagierte damit auf die Ankündigung Österreichs, den ans bayerische Netz angeschlossenen Gasspeicher bei Salzburg möglichst bald auch mit dem österreichischen Netz zu verbinden. "Wir beobachten die Entwicklungen beim Gasspeicher in Haidach mit großer Sorge", sagte Söder. (Hier mehr zum Thema.)

Sorgenspeicher Haidach

Haidach ist mit einem Volumen von 32,7 TWh der größte Gasspeicher im bayerischen Netzgebiet. Knapp ein Drittel der Reserven vermarktet dabei Astora, Tochter der früheren Gazprom Germania, jetzt Sefe. Der Füllstand dort zuletzt: 59 Prozent.

Zwei Drittel dagegen wurden bislang von der Gazprom-Tochter GSA vermarktet. Der Füllstand dort seit Wochen: 0 Prozent. (aba/dpa)

Dieser Artikel wird im Laufe des Abends aktualisiert und ergänzt.

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