Die Anlage in Rehden (Bild) ist mit einer Kapazität von 43,7 TWh Deutschlands größter Gasspeicher.

Die Anlage in Rehden (Bild) ist mit einer Kapazität von 43,7 TWh Deutschlands größter Gasspeicher.

Bild: © Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Bei kalten Wintertemperaturen blickt so mancher Beobachter wieder sorgenvoll auf die deutschen Gasspeicher. Denn zur Mitte der Heizperiode 2025/26 sind die deutschen Gasspeicher nur noch zu rund 50 Prozent gefüllt. Genauer gesagt waren es am Freitag 50,5 Prozent – deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt. Erinnerungen an den Winter 2022 werden wach.

Aktuell verliefen die Gasspeicherfüllstände "auf einem historischen Tief", sagte Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der "Initiative Energien Speichern", am Donnerstag. Im November hatte der Verband sogar noch vor einer Versorgungslücke gewarnt. Dennoch geben Bundesnetzagentur und Bundesregierung vorerst Entwarnung: Die Gasversorgung in Deutschland gilt aktuell als gesichert. Diese scheinbare Gelassenheit speist sich aus mehreren Faktoren – sie ist jedoch nicht frei von Risiken.

Speicherstände niedrig – aber erklärbar

Unstrittig ist: Die Ausgangslage zu Beginn der Heizperiode war schwächer als in den Vorjahren. Mitte November lagen die Speicherstände nur bei rund 75 Prozent, deutlich unter dem Niveau von 2023 und 2024. Ursache waren weniger technische als vielmehr marktliche Gründe: Im Sommer fehlten Preissignale, die eine wirtschaftlich attraktive Einspeicherung ermöglicht hätten. Hohe Sommerpreise und geringe Spreads machten Speicherbuchungen für viele Marktakteure unattraktiv.

Der Dezember verlief witterungsbedingt moderat, sodass die Speicher zunächst nur im üblichen Umfang genutzt wurden. Mit dem kälteren Januar stiegen die Entnahmeraten jedoch deutlich an. Die Speicher leeren sich derzeit spürbar – ohne, dass die Großhandelspreise stark reagieren. Ein Zeichen dafür, dass ausreichend Alternativen zur Verfügung stehen.

Deutschland unter EU-Schnitt

Ein Blick ins europäische Ausland zeigt außerdem, dass Deutschland mit vergleichsweise niedrigen Speicherfüllständen keineswegs alleinsteht, allerdings im unteren Mittelfeld liegt. In Frankreich waren die Speicher zuletzt zu rund 53 Prozent gefüllt, in den Niederlanden auf ähnlichem Niveau. Italien weist mit etwa 70 bis 75 Prozent deutlich höhere Füllstände auf, was unter anderem auf eine stärkere staatliche Steuerung und frühere Einspeicherung zurückzuführen ist.

Auch Polen und Österreich halten teils strategisch abgesicherte Reserven vor. Insgesamt liegen die EU-weiten Speicherstände unter denen der vergangenen beiden Winter, bewegen sich jedoch im Rahmen historischer Bandbreiten. Die europäische Versorgungslage profitiert dabei von gut gefüllten LNG-Importketten und einer insgesamt hohen Marktliquidität – was nationale Unterschiede bei den Speicherständen teilweise ausgleicht.

LNG und Norwegen stabilisieren die Versorgung

Ein zentraler Unterschied zu früheren Krisen liegt aktuell in der Importstruktur. Pipelinegas aus Norwegen bildet weiterhin das Rückgrat der Versorgung. Hinzu kommt eine deutlich ausgebaute LNG-Infrastruktur. Über die Terminals an Nord- und Ostsee lassen sich in den Wintermonaten rund 16 Prozent der deutschen Gasnachfrage decken – das entspricht etwa 32 Prozent der gesamten Speicherkapazität.

In den vergangenen Monaten hat die EU zudem so viel Flüssigerdgas aus den USA importiert wie nie zuvor: Die Mengen wuchsen im Jahr 2025 um rund 60 Prozent gegenüber dem Vorjahr, auch wenn damit der große Zoll- und Energieabkommen-Zielwert noch verfehlt wurde. Die USA bleiben aber einer der wichtigsten Lieferanten für LNG nach Europa.

Die Flexibilität durch Flüssiggaslieferungen hat die Rolle der Gasspeicher verändert. Sie sind weiterhin ein wichtiger Puffer, aber nicht mehr der alleinige Garant für Versorgungssicherheit. Die Bundesnetzagentur weist zu Recht darauf hin, dass Speicherstände nur ein Indikator unter mehreren sind. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Importkapazitäten, Marktliquidität und Infrastruktur.

Branche warnt vor trügerischer Sicherheit

Gleichzeitig mehren sich mahnende Stimmen aus der Energiewirtschaft. Stefan Dohler, Chef des Oldenburger Energieversorgers EWE, spricht von einer "angespannten Situation" und verweist darauf, dass die Füllstände Anfang 2022 ähnlich niedrig waren. Zwar sei ein akuter Engpass unwahrscheinlich, doch für Extremszenarien – etwa einen langen Kältewinter, geopolitische Verwerfungen oder den gleichzeitigen Ausfall mehrerer LNG-Terminals – biete der Markt aus seiner Sicht keine ausreichende Vorsorge.

Auch der Gasimporteur Uniper betont: Die Versorgung sei derzeit gewährleistet, aber nicht garantiert. Die wirtschaftlichen Anreize zur Speicherbefüllung hätten in den vergangenen Monaten schlicht gefehlt. Dass es bereits Anträge auf Stilllegungen von Gasspeichern ab 2027 gibt – so etwa des Uniper-Speichers Breitbrunn –, unterstreicht die strukturelle Problematik.

Strategische Gasreserve rückt in den Fokus

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Debatte um neue Vorsorgeinstrumente an Fahrt. Dohler plädiert für die Einführung einer nationalen strategischen Gasreserve, vergleichbar zur Erdölreserve. Österreich, Frankreich oder Polen verfügen bereits über solche Instrumente. Dort wird ein definierter Teil der Speicherkapazität staatlich gesichert und ausschließlich für Notfälle vorgehalten.

Für kommunale Versorger ist diese Diskussion von hoher Relevanz. Eine strategische Reserve könnte Marktverwerfungen in Krisenzeiten begrenzen und gleichzeitig die Abhängigkeit von kurzfristigen, staatlichen Eingriffen verringern. Trotz derzeit funktionierender Importketten bleibt jedoch die grundsätzliche Frage, ob der Markt allein ausreichende Vorsorge trifft – oder ob neue, gezielte Instrumente nötig sind. (Mit Material der Deutschen Presse-Agentur)

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