Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Die EU-Kommission hat in dieser Woche ein Arbeitspapier vorgelegt, in der sie den Rückgang der Gasnachfrage seit August 2022 analysiert und eine szenariobasierte Projektion der Speicherbefüllung vorlegt.

Gefordert wird die Fortsetzung der bestehenden und proportionalen Gasreduzierung für den Zeitraum 1. April 2023 bis 31. März 2024. Mit der Anwendung des 15-Prozent-Einsparziels könnten in diesem Zeitraum 60 Mrd. Kubikmeter Erdgas weniger verbraucht werden.

Bedeutung der Einsparverpflichtung

Wenn die Nachfragereduzierung nicht verlängert wird, wären die Gasspeicher laut EU-Analyse bis Februar 2024 vollständig entleert.

Bei einer Verlängerung der Einsparverpflichtung nur für den Zeitraum August 2023 bis März 2024 würden bis Ende Oktober 2023 nur 80 Mrd. Kubikmeter eingespeichert werden. Zu wenig, um die Versorgungssicherheit den ganzen Winter hindurch zu gewährleisten.

Aktuelles Preisniveau erschwert Einsparziele

Wenn die 15-Prozent-Nachfragereduktion jedoch um ein Jahr bis März 2024 verlängert werden würde, erreichen die Gasspeicher laut Kalkulation der EU-Kommission bis Ende Oktober 2023 95 Mrd. Kubikmeter. Ende März 2024 wären noch 43 Mrd. Kubikmeter in den Speichern übrig.

Die EU-Kommission betont, dass es beim aktuellen Preisniveau deutlich schwieriger sein wird, die Einsparziele zu realisieren. Im Herbst waren die Preise noch drei- bis viermal so hoch wie derzeit.

EU-internen Wettbewerb verhindern

Einerseits haben nun Haushalte weniger Anreize zu sparen. Andererseits kommt Nachfrage aus dem industriellen Bereich zurück. Dazu könnte die Umstellung der Stromerzeugung von Gas auf Kohle, die wegen der hohen Gaspreise stattfand, wieder rückgängig gemacht werden.

Zentrales Ziel muss sein, die extremen Preisspitzen, mit Preisen von über 300 Euro pro MWh im vergangenen Jahr, zu vermeiden. Fraglich ist, ob die extrem hohen Preise tatsächlich zu wesentlich höheren LNG-Einfuhren geführt haben. Ein direkter Zusammenhang zwischen Preissignal und Auswirkungen auf die Importe an den Häfen lässt sich aus den Daten nicht ablesen.

Gemeinsame Gasbeschaffung auf gutem Weg

Ein Teil des Preisanstiegs beim begrenzten Angebot könnte sich daher auch aus dem EU-internen Wettbewerb erklären. Es sollte vermieden werden, dass sich die Mitgliedsländer im begrenzten Angebotsmarkt gegenseitig überbieten.

Die geplante gemeinsame Gasbeschaffung der EU ab April 2023 soll dazu ein methodischer Baustein sein, um volle Speicher zu den niedrigsten Kosten zu garantieren.  Die EU muss in diesem Jahr etwa 13 Mrd. Kubikmeter Gas kaufen, um die Versorgungssicherheit im nächsten Winter zu gewährleisten.

Ukraine Speicher als zusätzliche Option nutzen

Bisher haben 22 EU-Mitgliedsstaaten einen Gesamtbedarf von rund 10 Mrd. Kubikmeter  beziehungsweise 77 Prozent des Zieles angemeldet. Mit der Bedarfsanmeldung der restlichen fünf Mitgliedsstaaten würde sich die Gesamtnachfrage für den Zeitraum 2023 bis 2025 auf 23 bis 24 Mrd. Kubikmeter erhöhen.

Die Kyiv School of Economics hat unterdessen einen Vorschlag vorgelegt, wie die EU das Versorgungsrisiko für den Winter 2023-24  weiter entschärfen könnte. Die Autoren Jacob Nell and Borys Dodonov schlagen vor, in der Westukraine einen Gasreservepuffer anzulegen. Damit könnten zusätzlich elf Mrd. Kubikmeter eingespeichert werden und das EU-Speicherziel auf 100 Prozent erhöht werden.

Ukraine mit großen Speicherkapazitäten

Die Ukraine verfügt mit knapp 33 Mrd. Kubikmeter Arbeitsgas über die größten Speicherkapazitäten in Europa. Die Speicher sind derzeit nur zu 18 Prozent gefüllt. In der Region Lwiw befindet sich mit dem Bilche-Volytsko-Uherske  einer der größten Untergrundspeicher der Westukraine mit einer Kapazität von 17 Mrd. Kubikmeter.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Wind, Wetter oder Industrie? Warum Europa so viel Erdgas einsparte"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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