Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Der Gasverbrauch in Deutschland ist 2023 im Vergleich zum Vorjahr weiter gesunken. Nach Ganexo-Berechnungen waren es insgesamt 822 Terawattstunden (TWh). Das entspricht einem Rückgang von sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr, als noch 881 TWh verbraucht wurden.

Im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2022 sank der Gasverbrauch sogar um rund 20 Prozent.

Nachfragerückgang bei Großverbrauchern

Die Heizgasnachfrage in Deutschland ging 2023 wetterbedingt unter anderem durch die niedrige Nachfrage in den Monaten September und Oktober gegenüber dem Vorjahr um elf Prozent zurück. Die Gasnachfrage der Großverbraucher, sprich Industrie und Kraftwerke, sank hingegen nur um knapp vier Prozent.

Doch wie lässt sich der 2023-Wert des größten Gasverbrauchers Europas international einordnen? Der Gasverbrauch in Europa lag 2023 insgesamt bei rund 3900 TWh. Dies entsprach einem Rückgang gegenüber dem Fünfjahresmittel von 19 Prozent.

Frankreich verzeichnet Rückgang von 13 Prozent

Unter den fünf größten Gasverbrauchern Europas ließ in Frankreich die Nachfrage mit einem Minus von 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahr am stärksten nach. Insgesamt wurden im deutschen Nachbarland 377 TWh verbraucht.

Einschränkend sei gesagt, dass die Einsparungen hier 2022 gegenüber den Vorjahren deutlich geringer ausfielen als in den europäischen Nachbarländern.

Niederlande mit niedrigster Einsparung

In Großbritannien lag die Gasnachfrage 2023 bei rund 629 TWh. Das entsprach einem Minus von neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Italien reduzierte seine Gasnachfrage um zehn Prozent. Der südeuropäische Staat verbrauchte insgesamt 609 TWh.

Die Niederlande verzeichneten in diesem Umfeld mit einer Gasnachfrage von insgesamt 284 TWh und einem Minus von drei Prozent die niedrigste Einsparung gegenüber dem Vorjahr.

EU: LNG-Aussendungen steigen um 3 Prozent

Die neuen LNG-Terminals und die auf hoher Auslastung laufenden bestehenden LNG-Terminals der EU-Länder zeigten 2023 Wirkung. Noch nie stand der EU so viel Flüssigerdgas zur Verfügung wie im Jahr 2023. Die Aussendungen stiegen um sieben Prozent gegenüber dem bisherigen Rekordjahr 2022 auf knapp 1360 TWh.

In Großbritannien sah es hingegen anders aus. Hier sanken 2023 die Aussendungen der LNG-Terminals mit insgesamt nur 303 TWh um knapp 20 Prozent unter den Vorjahreswert (2022: 374 TWh).

Deutsche LNG-Terminals zu 54 Prozent ausgelastet

Die drei schwimmenden LNG-Terminals in Deutschland (Brunsbüttel, Wilhelmshaven, Deutsche Ostsee) regasifizierten 2023 insgesamt rund 66 TWh Erdgas. Die Anlagen waren dabei durchschnittlich lediglich zu 54 Prozent ausgelastet.

Das starke LNG-Angebot kompensierte die rückläufigen Pipelinelieferungen. Diese waren 2023 so niedrig wie nie zuvor. Norwegen, Algerien, Russland, Aserbaidschan und Libyen lieferten im vergangenen Jahr per Pipeline nach Europa nur knapp 2000 TWh. Damit verringerte sich der Wert gegenüber dem bisherigen Rekordtief des Jahres 2022 nochmals um knapp 20 Prozent.

Norwegens Gasexporte sinken um fünf Prozent

Größter Anbieter pipelinegebundener Gaslieferungen auf dem europäischen Markt ist Norwegen. Das skandinavische Land lieferte 2023 insgesamt 1200 TWh. Das waren fünf Prozent weniger als im Vorjahr.

Verantwortlich für den Rückgang waren Wartungsarbeiten im vergangenen Sommer, die länger als geplant dauerten.

Aserbaidschans Pipelinelieferungen gestiegen

Algerien lieferte über die Pipelines nach Spanien und Italien insgesamt 334 TWh – ein Minus von drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Russland lieferte über den Transit durch die Ukraine und über die Pipeline Turkstream insgesamt 301 TWh. Gegenüber dem Vorjahr bedeutete das einen Rückgang von 57 Prozent.

Zulegen konnte hingegen Aserbaidschan. Die Lieferungen stiegen mit insgesamt 128 TWh um rund eineinhalb Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Europäische Gasförderung sinkt um 14 Prozent

Die Gasförderung in den europäischen Ländern sank 2023 mit insgesamt 440 TWh um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2022 lag der Wert noch bei 511 TWh. Zur Einordnung: Im Mittel der Jahre 2017 bis 2019 lag der Wert sogar bei 770 TWh.

Verantwortlich für den Rückgang war die Einstellung der Gasförderung im niederländischen Groningen. Die Gasförderung der Niederlande sank 2023 auf 126 TWh – ein Minus von 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2017 lag die Gasförderung der Niederlande noch bei knapp 430 TWh. (aba)

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Neue Kältewelle: Gasnachfrage so hoch wie seit zwei Jahren nicht mehr"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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