Die EU-Kommission wird voraussichtlich nicht vor dem 26. März ihren Plan zur allmählichen Beendigung der Importe fossiler Brennstoffe aus Russland präsentieren. Bisher hat sich die EU das unverbindliche Ziel gesetzt, die russischen Erdgasimporte bis 2027 zu beenden.
Im Zuge der Verhandlungen zwischen den USA und Russland kursieren viele Gerüchte am Markt über eine mögliche Rückkehr der russischen Gasflüsse nach Europa, entweder über die Nord-Stream-2-Pipeline oder durch die Ukraine.
Speicherdefizit gegenüber Vorjahr
Die Diskussion um ein möglicherweise zusätzliches russisches Gasangebot auf dem europäischen Markt führt zu unterschiedlichen Modellszenarien der Handelsteilnehmer und dies bewegt damit die Gaspreise. Die europäischen Gasspeicher waren zuletzt zu 34 Prozent gefüllt, dies entspricht eingespeichertem Arbeitsgas von 390 Terawattatunden (TWh). Im Vorjahr zum gleichen Zeitpunkt waren die Gasspeicher zu 59 Prozent gefüllt, 675 TWh Arbeitsgas.
Das Speicherdefizit gegenüber dem Vorjahr von rund 285 TWh Erdgas muss nun im Zeitraum April bis Oktober 2025 zusätzlich eingespeichert werden. Um wie im Vorjahr einen Füllstand von rund 95 Prozent zum 1. November zu erreichen, müssten damit bis dahin insgesamt rund 700 TWh Erdgas eingespeichert werden.
Gegenüber dem Vorjahr fehlt auf der Angebotsseite zunächst der russische Gastransit durch die Ukraine. Russland lieferte im Jahr 2024 durch die Ukraine insgesamt 155 TWh Erdgas und im Zeitraum April bis Oktober 2024 rund 91 TWh.
Warum die Diskussion um russisches Gas die Preise bewegt
Bei den Pipeline-Lieferungen aus Norwegen, Algerien, Aserbaidschan und Libyen bestehen in den nächsten Monaten gegenüber dem Vorjahr nur wenige zusätzliche Flexibilitäten nach oben, so dass im besten Fall von einer Konstanz gegenüber den Pipeline-Importen aus 2024 (abzüglich Ukraine-Transit) auszugehen ist.
Anhand des Status quo stellt damit nur LNG eine zusätzliche Angebotsflexibilität dar. Ganexo erwartet für 2025 eine global angespannte LNG-Nachfrage. Vor diesem Hintergrund treibt daher jede Diskussion um mögliche zusätzliche russische Pipeline-Mengen die Gaspreise.
2025 müsste LNG-Rekordjahr werden
Im Zeitraum April bis Oktober 2024 wurden an den europäischen LNG-Terminals insgesamt rund 740 LNG-Tankerlieferungen registriert. Das waren rund 200 Lieferungen weniger als im Vorjahreszeitraum, als die LNG-Importe im Jahr 2023 auf Allzeithoch lagen. Geht man davon aus, dass eine LNG-Tankerlieferung rund 1 TWh Erdgas aus dem Terminal regasifiziert, so wird Europa im Zeitraum April bis Oktober 2025 rund 300 LNG-Tankerlieferungen mehr als im Vorjahr benötigen, um die Gasspeicher der EU bis zum 1. November 2025 zu 95 Prozent (analog 2024) zu befüllen.
Dies bedeutet, dass monatlich zwischen 130 und 150 LNG-Tankerlieferungen an den europäischen Terminals anlanden müssten, um das Ziel zu erreichen. Der Weg würde daher nur über neue Allzeit-Import-Hochs führen.
Knappes LNG-Angebot – Preis-Wettbewerb mit Asien
Den Wettbewerb um notwendige, rekordhohe LNG-Importe wird Europa in den nächsten Monaten mit dem asiatischen Markt über den Gaspreis führen. Dies sollte zwangsläufig den Gaspreis den Sommer hindurch auf hohem Niveau halten. Die fünf größten asiatischen LNG-Importeure (China, Japan, Taiwan, Südkorea und Indien) importierten im Zeitraum April bis Oktober 2024 rund 1940 LNG-Lieferungen. Im gleichen Zeitraum des Jahres 2023 flossen rund 200 Lieferungen LNG weniger nach Europa ab.
Nennenswerte Steigerungen des globalen LNG-Angebots werden erst ab dem Jahr 2026 erwartet, 2025 wächst das globale Angebot nur gering. Zusätzlich limitieren die Transportkapazitäten: Die Anzahl der global tätigen LNG-Tanker liegt derzeit bei rund 820, die globale Flotte wuchs damit in den letzten 12 Monaten um rund 50 Tanker.
Unser Kolumnist Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo. Er analysiert wöchentlich die aktuellen Entwicklungen im Gasmarkt für das ZfK-Morning Briefing.
Der Titel seiner letzten Analyse lautet: LNG-Importe auf 12-Monats-Hoch



