Bereits vor knapp einem Jahr hatte Robert Habeck die Pläne für ein deutschlandweites Wasserstoff-Kernnetz vorgestellt (Archivbild).

Bereits vor knapp einem Jahr hatte Robert Habeck die Pläne für ein deutschlandweites Wasserstoff-Kernnetz vorgestellt (Archivbild).

Bild: © Michael Kappeler/dpa

Für Robert Habeck ist es ein Vorzeigeprojekt: Von der Idee für ein Wasserstoff-Kernnetz bis zu der nun vorliegenden Genehmigung durch die Bundesnetzagentur seien gerade einmal zweieinhalb Jahre vergangen. Das sei "rekordverdächtig", betonte der Bundeswirtschaftsminister bei einer Pressekonferenz.

Mit dem Kernnetz habe man den Missing Link zwischen den Wasserstoff-Produzenten, die teils schon losgelegt hätten, und den Abnehmern geschaffen. Das Gute sei, dass man mit dem Bau des Netzes nicht erst 2032 loslege. "Teilstrecken werden vielmehr schon jetzt realisiert, sei es durch Umwidmung bestehender Erdgasleitungen oder durch Neubau."

Kernnetz ist geschrumpft

Deutschland habe mit dem Kernnetz das Henne-Ei-Problem beim Wasserstoff durchbrochen, betonte Klaus Müller, der Chef der Bundesnetzagentur. "Nachdem wir jahrzehntelang diskutiert haben, was zu dem bekannten Attentismus der letzten Jahre geführt hat, hat die Bundesregierung ein Startsignal gesetzt."

Dass das Kernnetz mit nun rund 9040 Kilometern deutlich kleiner ausfallen werde als zunächst angenommen, sei kein Beinbruch. Sein Haus habe im Laufe des Planungsprozesses "Redundanzen" abgebaut und Anbindungsleitungen gestrichen, die nicht Teil eines Kernnetzes seien. Generell gelte, dass ein Kernnetz eben ein Startnetz sei und somit auch nur der erste Schritt zum Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft.

Netzentwicklungsplan kommt

Es sei klar, dass es neben dem Kernnetz als "Autobahn" auch Land- und Kreisstraßen brauchen werde, erläuterte Müller. Um hier voranzukommen, habe die Bundesnetzagentur bereits mit der Abfrage zum sogenannten Szenariorahmen begonnen. Müllers Mitarbeiter haben nach dessen Aussage bereits mit der Auswertung der Stellungnahmen begonnen.

Im Sommer 2025 will die Bundesnetzagentur dann den ersten Netzentwicklungsplan vorlegen, der Gas, Wasserstoff und Strom gemeinsam denkt. Hier habe die Bundesnetzagentur wesentlich größere "gestalterische Möglichkeiten", so Müller. Für eigentlich sinnvolle Projekte ohne Vorhabenträger könnte die Netzagentur dann einfach einen Verantwortlichen bestimmen. Regionen, die sich beim Kernnetz nicht ausreichend berücksichtigt fühlen, bräuchten kein ungutes Gefühl haben. "Der Netzentwicklungsplan kommt. Er kann das Netz atmen lassen und da Korrekturen vornehmen, wo es möglich ist."

Netz muss bezahlbar bleiben

Robert Habeck betonte, dass es ihm auch politisch wichtig gewesen sei, dass alle Bundesländer als Kernnetz angebunden werden. Dennoch habe man bei der Planung natürlich auch die Kosten im Blick haben müssen. Es sei keinem gedient, wenn die Kosten für die Wasserstoff-Hersteller und die -Abnehmer durch eine überdimensionierte Planung aus dem Ruder laufen. Es gehe auch um die Effizienz eines solchen Startnetzes. "Es ist hier nicht Schlaraffenland ausgebrochen", gab Habeck zu bedenken.

Klaus Müller führte aus, dass auch mit dem Einstieg in den Wasserstoffhochlauf das Thema Erdgas keinesfalls beendet sei. Im Gegenteil: "Wir bauen auch zusätzliche Erdgasleitungen, um genau den Aspekt der Versorgungssicherheit im Erdgas, den wir noch eine ganze Weile brauchen, zu ermöglichen." Zwei Milliarden Euro lasse man sich das insgesamt kosten.

Erster Wasserstoff soll 2025 fließen

Nach Angaben der Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber soll das Wasserstoff-Kernnetz jährlich bis zu 278 Terawattstunden an Energie transportieren können. Das entspreche einem Drittel des heutigen Erdgasverbrauchs, betonte der stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung, Ralph Bahke.

Der erste Wasserstoff soll bereits im kommenden Jahr durch einen Teil des neuen Netzes fließen, kündigte er an. Insgesamt brauche es adäquate Rahmenbedingungen für private Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Zugleich forderte Bahke, dass man in Zukunft sowohl die Speicher als auch die Verteilnetze stärker in den Blick nehmen müsse.

Viele Fragezeichen bei Verteilnetzbetreiber

Eine zeitnahe "zweite Stufe der integrierten Netzentwicklungsplanung Gas und Wasserstoff" will auch VKU-Chef Ingbert Liebing. Das Kernnetz allein werde nicht ausreichen, um viele Unternehmen aus Industrie und Mittelstand zu erreichen, die künftig auch auf gasförmige Energieträger angewiesen seien. Dafür braucht es unbedingt die Verteilnetze, weshalb es auch in der jüngsten Vergangenheit Kritik an der angestrebten Abdeckung gegeben habe, so Liebing.

Seine Kritik: Verteilnetzbetreiber, die Leitungen ins Kernnetz einbringen wollen, seien bei aller Freude über das Kernnetz verunsichert. "Ihnen fehlen die rechtlichen Grundlagen, um die Umrüstung der bisherigen Gasnetze auf grüne Gase wie Wasserstoff rechtssicher planen und entsprechend investieren zu können." Auch die Frage der Finanzierung müsse geklärt werden. "Beim Kernnetz ist es das Amortisationskonto. Bei den Verteilnetzen ist die Frage, wie die Umrüstung finanziert wird, hingegen noch offen. Hier muss schnellstmöglich Klarheit geschaffen werden."

Wärmemarkt in der Region

Ähnlich argumentiert Marcus Böske, Geschäftsführer der Energie Südbayern. Eine Synchronisation der Infrastrukturentwicklung sei wichtig, um für Haushalte und Gewerbe auch außerhalb der großen Ballungsräume Wasserstoff verfügbar zu machen. Wasserstoff funktioniere über den industriellen und gewerblichen Einsatz hinaus auch im Wärmemarkt in der Region.

Er könne einen Beitrag zur kommunalen Wärmewende leisten. "Gemeinsam können wir die strukturellen Voraussetzungen für Wasserstoff in der Fläche schaffen", sagt Böske. (amo)

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