Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Das Wetter und die Entwicklung der Wetterprognosen ist derzeit das bestimmende Thema für die sehr volatilen Spotpreise an den europäischen Gasmärkten. Mit der ersten kleinen Kältewelle in diesem Winter sind die Spotpreise wieder über 100 Euro gestiegen.

Die Einspeicherungen in Deutschland gehen weiter, die Gasspeicher sind zu 99,94 Prozent gefüllt. Damit lagern in den Speichern 245.255 GWh Erdgas – so viel wie noch nie zuvor. Der größte deutsche Gasspeicher Rehden ist zu 95 Prozent befüllt.

Heizgasnachfrage steigt

Durch den Anstieg der Heizgasnachfrage betrug die Gasnachfrage in Deutschland in diesem Winter zum ersten Mal mehr als 2700 GWh pro Tag. Das ist dennoch deutlich unter dem Fünfjahresmittelwert, der bei rund 3500 GWh pro Tag liegt.

Die Bundesnetzagentur gibt dennoch keine Entwarnung und weist weiterhin auf die Notwendigkeit des Energiesparens hin.

Drei Bedingungen, um Notstand zu verhindern

Die Bundesbehörde definiert drei Bedingungen, um in diesem Winter einen Gasnotstand zu verhindern: Senkung des Gasverbrauchs um mindestens 20 Prozent, die Inbetriebnahme der geplanten LNG-Terminals zu Beginn des nächsten Jahres und die Reduktion der üblicherweise im Winter ansteigenden Pipelineexporte.

Die pipelinegebundenen Exporte machten in Deutschland bis zu Beginn der Energiekrise in Spitzenzeiten 40 bis 50 Prozent der Gesamtimporte aus. Seit dem Wegfall der russischen Gaslieferungen fiel der Exportanteil zuletzt sogar unter 20 Prozent.

Chemieverband schlägt Alarm

Die hohen Energiepreise beeinträchtigen die Wettbewerbsfähigkeit vieler Branchen. Der Verband der Europäischen chemischen Industrie (CEFIC) veröffentlichte bereits im Oktober ein Positionspapier um auf die dramatische Situation hinzuweisen.

Demnach hat die EU im ersten Halbjahr 2022 zum ersten Mal überhaupt mengen- als auch wertmäßig mehr Chemikalien ein- als ausgeführt. Das Handelsdefizit beläuft sich laut Angaben der CEFIC auf 5,6 Mrd. Euro.

Notlösungen für Chemiesektor gefordert

Die CEFIC fordert Notlösungen für den Chemiesektor der EU, der praktisch alle Wertschöpfungsketten beliefert, um weitere Schließungen in der Branche zu verhindern.

Ein hoher LNG-Anteil der europäischen Gasimporte ist daher ein wichtiger Baustein für die Versorgungssicherheit. Europa hat von Januar bis Oktober rund 137 Mrd. Kubikmeter Flüssigerdgas importiert. Das sind 40 Prozent mehr als im Vorjahr.

Fokus auf LNG-Mengen

Ob sich dies im nächsten Jahr so wiederholen kann, ist unsicher. Denn trotz der Rekordpreise auf dem Weltmarkt zeigte sich in diesem Jahr die Entwicklung der globalen LNG-Produktionsmengen relativ schwach.

Laut Angaben von LNG Unlimited sind die weltweiten Erdgas-Verflüssigungskapazitäten seit Juni dieses Jahres deutlich unter den Durchschnitt der vergangenen drei Jahre gefallen. Ein deutlicher Ausbau der Angebotskapazität wird erst ab 2025 erwartet.

Weniger LNG nach Asien geliefert

Im Oktober 2022 lagen die LNG-Importe in Asien rund drei Mrd. Kubikmeter LNG unter dem Vorjahresniveau. Für das laufende Jahr 2022 ergibt sich aktuell ein Defizit von mehr als 25 Mrd. Kubikmeter LNG gegenüber dem Vorjahr.

Gründe für den Rückgang sind die Null-Covid-Politik Chinas, Nachfragezerstörung wegen der hohen Preise, die Umstellung von Gas- auf Kohlebefeuerung und Substitution von Gas durch Öl.

Anstieg asiatischer Nachfrage

Ein Anstieg der asiatischen Nachfrage würde mit der europäischen Herausforderung kollidieren, im Jahr 2023 rund 40 Mrd. Kubikmeter des im Vergleich zum Vorjahr geringeren russischen Angebots zu ersetzen.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Ohne Einsparungen fehlen Europa im Sommer 30 Mrd. cbm Gas zur Einspeicherung"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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