Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Die Risiken der Winterversorgung in Kältephasen rücken diese Woche an den Gasmärkten wieder stärker in den Fokus. Dementsprechend steigen die Preise an den Spotmärkten und nähern sich wieder dem hohen Preisniveau am Terminmarkt an.

Die Gaspreise waren zwar im Oktober um über 30 Prozent gefallen und die Gasspeicher sind nun zu über 95 Prozent gefüllt, aber Entwarnung kann nicht gegeben werden. Immer mehr rücken die mittelfristigen Risiken der Gasversorgungssicherheit in den Fokus.

Was ein Wiederanstieg der chinesischen LNG-Importe bedeuten würde

Die Internationale Energie Agentur (IEA) zeigt in Ihrem jüngsten Bericht detailliert auf, warum wir so schnell als möglich handeln sollten, um Gas einzusparen. Die IEA erwartet, dass die russischen Gasflüsse in 2023 auf 35-60 Mrd. Kubikmeter zurückgehen werden. Ein Wiederanstieg der chinesischen LNG-Importe auf das Niveau von 2021 würde es für Europa schwieriger machen, zusätzliches LNG zu akquirieren. Das weltweite LNG-Angebot steigt in 2023 nur um 20 Mrd. Kubikmeter.

Damit würden den Berechnungen der IEA zufolge dem europäischen Gasmarkt rund 30 Mrd. Kubikmeter während der Sommersaison zur Einspeicherung fehlen. Die Gasspeicher wären dann zum Beginn der Heizsaison 2023/24 nur zu 65 Prozent gefüllt, d.h. deutlich weniger als für einen sicheren Winter erforderlich ist.

Umsetzung der Einsparziele entscheidend

Die Aurora Energy Research kommt in einer Analyse zum Beitrag der zukünftigen LNG-Terminals in Deutschland zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Arbeit basiert auf der Annahme das Deutschland bis zum Jahr 2025 fünf schwimmende LNG-Terminals mit einer Kapazität von 25,4 Mrd. Kubikmeter an das Netz bringt und bis 2030 noch drei weitere Onshore-Terminals die Importkapazität auf 64,7 Mrd. Kubikmeter erhöhen.

Sofern bis 2025 keine Nachfrageeinsparung erzielt wird, geht Aurora für die nächsten mindestens zwei Jahre von einer Angebotslücke in Europa von 34,7 Mrd. Kubikmeter aus. Bei vollständiger Umsetzung der EU-Einsparziele könnte die Lücke auf ein verbleibendes Defizit von jährlich 1,2 Mrd. Kubikmeter geschlossen werden.

Die Wichtigkeit der Gas-Einsparung zeigt auch die Modellierung bis zum Jahr 2030: Bliebe demnach die Gasnachfrage konstant, so würde trotz des Ausbaus der LNG-Importkapazitäten eine Angebotslücke von jährlich knapp 8 Mrd. Kubikmetern verbleiben.

Gasmangel bei Ausfall der norwegischen Lieferungen

Spätestens mit den Explosionen an der Nord Stream Pipeline habe wir gelernt, wie vulnerabel die Infrastruktur und damit Versorgungssicherheit sein kann. Aurora führte daher in der gleichen Studie einen Stresstest durch, wenn es zusätzlich zu einem einjährigen Ausfall der Europipe-II kommen würde. Die Pipeline liefert aus dem norwegischen Karsto nach Dornum in Norddeutschland, zuletzt rund 750 GWh/Tag und mit einer jährlichen Kapazität von 24 Mrd. Kubikmeter.

Selbst im optimistischen Szenario, das heißt wenn alle geplanten Energieeinsparungen umgesetzt wären, ist der Studie zufolge eine jährliche Angebotslücke von mindestens 22 Mrd. Kubikmeter unvermeidlich. Werden die Einsparziele nicht realisiert, könnte ein solches Szenario selbst noch in 2030 eine Angebotslücke von 15 Mrd. Kubikmeter pro Jahr erzeugen.

Die IEA gab ihrem jüngsten Bericht daher treffenderweise den Namen „Never Too Early to Prepare for Next Winter“. Die Zeit rennt und wir müssen handeln.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Winterszenarien: Was, wenn im Februar eine Kältewelle auf uns zurollt?".

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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