Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Die Gasversorgung in Deutschland war in den vergangenen vier Wochen recht stabil. Die Spotpreise sanken bis zum Mittwoch deutlich unter 80 Euro pro MWh. Doch dann brannte es im US-amerikanischen LNG-Terminal Freeport – und schon kletterten die Preise am Donnerstag wieder nach oben.

Am deutschen THE verteuerte sich der Day-Ahead auf 85 Euro pro MWh. Der Frontmonat Juli-22 stieg sogar auf 87 Euro pro MWh. Offenbar fürchten Gashändler, dass der Brand das LNG-Angebot in Europa in den kommenden Wochen verringern könnte.

Beständige Einspeicherungen

Bis zum Mittwoch war der Spread zwischen Day-Ahead und Winter-22 am deutschen THE auf rund 20 Euro pro MWh gestiegen. Dies machte auch Gaseinlagerungen in Speicher attraktiver. Das Speicherdefizit gegenüber dem langjährigen Mittel hatte sich so weitgehend aufgelöst. Die Einspeicherungen lagen in den vergangenen vier Wochen bei durchschnittlich 1300 GWh pro Tag.

In Deutschland waren die Gasspeicher zwischenzeitlich zu 52 Prozent gefüllt. Das langfristige Mittel liegt bei 55 Prozent. Würden die Einspeicherungen gemäß den langfristigen Mittels nun weiter gehen, so könnten die Gasspeicher in Deutschland zum Winterbeginn zu 86 Prozent gefüllt sein.

LNG-Terminal: Drei Wochen Stillstand – oder mehr

Die europäischen Einspeicherungen hängen mittlerweile jedoch in hohen Maße vom LNG-Angebot ab. An den nordwesteuropäischen LNG-Terminals werden bis Mitte nächster Woche weitere 15 LNG-Schiffe erwartet. Ob sich das große Flüssigerdgasangebot in Europa nun so fortsetzt, ist nach dem Brand in Freeport aber fraglich.

Freeport LNG ist die zweitgrößte Flüssigerdgasanlage der USA und könnte wegen des Brandes nun mindestens drei Wochen stillstehen. Die Anlage produziert rund 20 Prozent der LNG-Kapazität der USA, sprich etwa 20 Mrd. Kubikmeter LNG jährlich. In den vergangenen sechs Wochen gingen von Freeport rund 20 LNG-Lieferungen nach Europa.

Der Faktor China

Mit dem Ende der Lockdown-Maßnahmen in Shanghai sollten Energienachfrage und -preise in China wieder steigen. Tritt dies ein, dürfte dies das europäische LNG-Angebot ebenfalls schmälern.

Im Juli könnte sich das europäische Angebot zusätzlich merklich verknappen. Wegen der jährlichen Wartungsarbeiten an der Nord-Stream-Pipeline fallen die Liefermengen zwischen dem 11. bis 21. Juli auf null. Ein Ausgleich über die Jamal-Pipeline ist in diesem Jahr nicht möglich, da Gazprom Export wegen der Sanktionen keine Kapazitätsbuchungen in Polen vornehmen kann.

Algerien kündigt Freundschaftsabkommen

Erschwerend kommt hinzu, dass Algerien am Mittwoch ein 2002 geschlossenes Freundschaftsabkommen mit Spanien kündigte. Hintergrund ist ein diplomatischer Konflikt um das Territorium Westsahara, das Algeriens Erzrivale Marokko für sich beansprucht. Spaniens Regierung unterstützt seit wenigen Wochen Marokkos Plan.

Bereits im April drohte Algerien mit einem Lieferstopp der Gaslieferungen. Nun ordnete der Bankenverband des Landes an, Handelsgeschäfte mit Spanien zu unterlassen. Ohne die Lieferungen an die Hafenstadt Almería wäre Spanien praktisch vollständig von LNG-Importen abhängig.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "LNG-Terminal-Projekte boomen in Europa – doch wo ist eigentlich was geplant?" (aba)

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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