Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Die Europäische Union will sich durch verstärkte LNG-Importe unabhängiger von russischem Gas machen.

Bis zu Beginn des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 waren in elf europäischen Ländern 21 LNG-Terminals in Betrieb. Nun sind mindestens 19 zusätzliche Projekte geplant. Die Zeitenwende im europäischen Gasmarkt nimmt Gestalt an.

Anteil von LNG-Importen 2021

Vergangenes Jahr wurden in der EU rund 412 Mrd. Kubikmeter Gas verbraucht – ein Plus von vier Prozent gegenüber 2020.

Die LNG-Importe machten dabei nur 24 Prozent aus. Der Rest wurde im Wesentlichen über Pipelines importiert. Den größten Anteil hatte dabei Russland, dessen Exporte rund 41 Prozent der gesamten europäischen Gasimporte ausmachten.

21 bestehende LNG-Terminals

Die bestehenden 21 LNG-Terminals in Spanien, Portugal, Italien, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Litauen, Polen, Griechenland, Kroatien und Malta haben insgesamt eine Regasifizierungskapazität von 160 Mrd. Kubikmeter pro Jahr und können 7,70 Mio. Kubikmeter LNG speichern.

Bis zur russischen Invasion in der Ukraine waren sechs LNG-Projekte in Bau oder fortgeschrittener Planung. Die Projekte Grain LNG Expansion (Großbritannien), Gate LNG Expansion 2 (Niederlande), Polish Baltic Sea Coast Terminal (Polen), Fos Cavou Expansion (Frankreich), Dioryga Gas FSRU (Griechenland) und Skulte LNG-Terminal (Lettland) würden eine zusätzliche Regasifizierungskapazität von rund 21 Mrd. Kubikmeter pro Jahr bieten.

Mindestens 20 zusätzliche LNG-Projekte

Seit Kriegsbeginn wurden mindestens 19 zusätzliche LNG-Projekte begonnen, wieder aufgenommen oder beschleunigt. Damit entstünde eine zusätzliche Regasifizierungskapazität in der EU von rund 130 Mrd. Kubikmeter pro Jahr.

Deutschland war noch 2021 zu mehr als 50 Prozent von russischen Gasimporten abhängig. Aktuell hat es sieben LNG-Projekte in der erweiterten Planung.

Wilhelmshaven und Brunsbüttel

Im Mai unterzeichneten die Bundesregierung und das Land Niedersachsen eine Vereinbarung zum Projekt Green Wilhelmshaven (10 Mrd. Kubikmeter). Darüber hinaus wurde ein Letter of Intent unterzeichnet, der die Charterung von zwei schwimmenden LNG-Terminals (FSRU) optioniert (15 Mrd. Kubikmeter). Beide Projekte werden von Uniper unterstützt.

RWE und Gasunie haben eine Absichtserklärung unterzeichnet, ein LNG-Terminal in Brunsbüttel mit einer jährlichen Kapazität von 8 Mrd. Kubikmetern zu bauen.

LNG-Terminal-Ausbau in Italien

RWE hat im Auftrag der Bundesregierung zwei schwimmende LNG-Terminals mit einer Kapazität von insgesamt 10 bis 14 Mrd. Kubikmeter pro Jahr gechartert. Einer der Standorte für diese schwimmenden Anlagen soll Wilhelmshaven sein. Zuletzt kommt noch das LNG-Projekt in Stade mit einer jährlichen Kapazität von 12 Mrd. Kubikmetern.

Italien bezog 2021 rund 41 Prozent seiner Gasimporte aus Russland. Nun plant es vier zusätzliche LNG-Terminals mit einer Gesamtkapazität von rund 30 Mrd. Kubikmeter pro Jahr. Darunter sind zwei zusätzliche schwimmende Flüssigerdgas-Terminals, der Ausbau des Adriatic LNG-Terminals und neue Terminals in Sizilien (Porto Empedocle) und Kalabrien (Gioia Tauro).

Pläne von Estland bis Griechenland

Finnland und Estland, bisher zu nahezu 100 Prozent von russischen Gasimporten abhängig, planen drei neue LNG-Terminals. Ein gemeinsam betriebenes schwimmendes Flüssigerdgas-Terminal sowie das neue Tallinn LNG-Terminal und Paldiski Terminal in Estland bieten eine Gesamtkapazität von rund 10 Mrd. Kubikmeter pro Jahr.

Zusätzliche schwimmende LNG-Terminals sind in Frankreich (Le Havre, 4,3 Mrd. Kubikmeter), in den Niederlanden (Eemshaven, 8 Mrd. Kubikmeter) und in Griechenland (Thrace und Argo, 10,5 Mrd. Kubikmeter) geplant. Zudem hat Kroatien vor, das bestehende Krk-Terminal um zusätzliche 4,4 Mrd. Kubikmeter Regasifizerungskapazität pro Jahr auszubauen.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Neue LNG-Pläne: Die Gefahr der "Stranded Assets" (aba)

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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