Der Ausbau der europäischen LNG-Infrastruktur muss daran gemessen werden, ob mit den bestehenden Fit-for-55-Massnahmen der EU nicht volkswirtschaftlich kostengünstigere Lösungen erreicht werden können. Sonst könnten sich diese Investments nach 2030 in "Stranded Assets" verwandeln, sprich in Vermögenswerte, deren Marktwert in der Folge zu früh und drastisch sinkt.
Das dem Repower-EU-Plan innewohnende Fit-for-55-Programm ist ein Paket von Vorschlägen, um die Klima, Energie, Landnutzungs- und Verkehrspolitik so zu gestalten, dass die Netto-Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden.
Neue politische Abhängigkeiten
Bis zum Jahr 2025 sollen im Vergleich zu 2019 etwa 135 GW Windkraftkapazität und 124 Solarkapazität hinzukommen. Die Gasnachfrage soll bis 2025 gegenüber 2019 um 17 Prozent gesenkt werden. Das bedeutet, dass die Fit-for-55-Maßnahmen den Gasverbrauch von 520 Mrd. Kubikmetern in 2019 auf 403 Mrd. Kubikmeter in 2025 senken sollen.
Der EU-Plan sieht die Erhöhung der LNG-Einfuhren um 50 Mrd. Kubikmeter in 2022 vor. Europa würde damit weiterhin auf große Mengen potentiell teurer LNG-Importe angewiesen sein, mit dem EU-Plan erhöht sich die LNG Gesamtmenge auf 150 Mrd. Kubikmeter pro Jahr. Die potentielle wirtschaftliche wie politische "Abhängigkeit" verschiebt sich von Russland auf andere große Produzenten wie Katar und den USA.
Warnung vor Fehlinvestitionen
Neue Investitionen in zusätzliche LNG-Importkapazitäten bergen das Risiko, dass sich Europa langfristig an Lieferanten binden muss. Langfristige Lieferverträge haben oftmals Laufzeiten von 15 bis 20 Jahre.
Im Rahmen des Fit-for-55-Politikpfads soll die Gasnachfrage bis 2030 um 68 Mrd. Kubikmeter sinken. Die zusätzlichen Importkapazitäten müssen mit den Klimazielen der EU abgestimmt sein, sonst drohen nachhaltig Fehlinvestitionen.
Risiko höherer CO2-Emissionen
Es ist in den nächsten Jahren von einer höheren Preisvolatilität und einem höheren absoluten Preisniveau als in den Jahren bis 2019 an den europäischen Gasmärkten auszugehen. Der höhere Gaspreis würde damit auch nachhaltig die Preise am Strommarkt stützen beziehungsweise dort für Preisturbulenzen führen.
Zudem besteht hier das Risiko, dass der potentiell höhere Preis für LNG zu einer Verdrängung der Gaskraftwerke durch Stein- und Braunkohlekraftwerke im Strommix führen könnte. Dies könnte die CO2-Emissionen gemäß einer Kalkulation der Internationalen Energie-Agentur um bis zu drei Prozent erhöhen.
Struktureller Rückgang der Gasnachfrage notwendig
Die Gasversorgungslage in Europa ist wegen der bestehenden West-Ost-Architektur der Gasflüsse recht angespannt. Das gesamte europäische Fernleitungsnetz weist eine hohe Auslastung aus, der Auslastungsgrad der Interkonnektoren beispielsweise zwischen Deutschland, Belgien und den Niederlanden lag in den letzten Wochen oftmals bei 95 Prozent.
Um das europäische Übertragungsnetz vor Engpässen zu schützen, ist neben dem wichtigen Ausbau der grenzüberschreitenden Kapazitäten auch ein struktureller Rückgang der Gasnachfrage notwendig.
Saubere Energien und Energieeffizienz als bester Weg
Zusätzliche europäische Investitionen in saubere Energien und Energieeffizienz sind sicherlich der beste Weg, um den Ausstieg aus der russischen Energie bei gleichzeitiger Gewährleistung der Versorgungssicherheit zu schaffen.
Der Ausbau der LNG-Kapazitäten muss im Zusammenhang mit der Umsetzung der Fit-for-55-Massnahmen geplant werden. Nur so kann die Gasnachfrage nachhaltig reduziert und das Ziel, bis 2025 aus russischem Gas auszusteigen, realisiert werden.
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Warum der Abschied vom russischen Gas für Europa auch eine große Chance ist" (aba)
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.



