Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Wie wichtig große Speicherkapazitäten und LNG-Überkapazitäten im LNG-dominierten Importmarkt sind, zeigt das Beispiel der vergangenen Wochen. Durch die Streiks an den französischen Flüssigerdgasterminals konnten viele LNG-Schiffe in Frankreich ihre Ladungen nicht abliefern und wurden teilweise zu anderen EU-Häfen umgeleitet.

Die Auslastung der LNG-Terminals in den Niederlanden und in Belgien stiegen daraufhin auf mehr als 85 Prozent. Das Terminal im niederländischen Rotterdam ist seit Beginn April zu 100 Prozent ausgelastet.

Spitzenwerte bei Einspeicherungen

Die Auslastung des Terminals Bilbao im spanischen Baskenland stieg ebenfalls auf mehr als 80 Prozent. Wegen der unzureichenden Weiterverteilungs- und Speichermöglichkeiten lag jedoch die Auslastung des größten europäischen Terminals in Barcelona bei lediglich 18 Prozent.

Die Einspeisungen in die Gasspeicher erreichten daher in Spanien und Belgien bisher im April Spitzenwerte. Spanien speicherte knapp 5000 GWh ein – mehr als 200 Prozent über dem üblichen Wert im April. Belgien lagerte insgesamt zwar nur 1500 GWh ein. Dies entspricht aber 150 Prozent mehr als dem Fünf-Jahres-Mittelwert im April.

Kapazitätsausbau kann Preise senken

Beide Länder verfügen im europäischen Vergleich über sehr geringe Speicherkapazitäten. Zum Vergleich: Spanien kommt auf ein Speicherarbeitsgasvolumen von 34 TWh, Deutschland mit der EU-weit größten Speicherkapazität auf mehr als 250 TWh.

Gäbe es in der EU mehr LNG-Importkapazität sowie höhere Verteilungs- und Speicherkapazitäten in Ländern, die bereits jetzt über hohe LNG-Importkapazitäten verfügen, wären die europäischen Gaspreise schon im April trotz Kälteperioden unter 30 Euro pro MWh gefallen.

Spotpreise in Spanien am billigsten

Die Märkte mit einer guten LNG-Anbindung wiesen zuletzt die niedrigsten Preise aus. Am spanischen Mibgas sanken die Spotpreise unter 33 Euro pro MWh. Die am CEGH notierten Märkte für Österreich und die Tschechische Republik waren hingegen wegen der fehlenden direkten LNG-Anbindung in dieser Woche um bis zu zehn Euro pro MWh teurer als der billigste Markt im EU-Vergleich.

Die Spotpreise am französischen PEG zeigen sich seit dem Ende der Streiks am 20. April an den französischen LNG-Terminals deutlich schwächer und erreichten zuletzt ein neues Jahrestief bei 37 Euro pro MWh. Bis Mitte nächster Woche werden in Frankreich weitere acht LNG-Lieferungen erwartet.

Großteil der LNG-Importe Spotcargos

Derzeit ist ein Aufbau von LNG-Kapazitäten in Deutschland bis 2023 in Höhe von 77 Mrd. Kubikmeter pro Jahr geplant. Dies entspricht einer Überkapazität von 22 Mrd. Kubikmeter pro Jahr gegenüber der durch Nord Stream 1 weggefallenen Kapazität.

Die Versorgungssicherheit für die europäische Gasversorgung kann derzeit nur mit dem Auf- und Ausbau von LNG-Überkapazitäten und weiterer Gasspeicher gewährleistet werden. Ein Großteil der europäischen LNG-Importe sind Spotcargos, also nicht langfristig planbar, und unterscheiden sich daher grundlegend von der Planungssicherheit eines langfristigen Pipelinelieferkontrakts.

Bedeutung von LNG-Spotlieferungen

Der Anteil der LNG-Langfristverträge für den EU-Import wird wohl erst von 2030 am mit den geplanten zusätzlichen weltweiten Angebotskapazitäten signifikant steigen. Bis dahin könnten preissensitive LNG-Spotlieferungen den EU-Handel und damit das Preisniveau dominieren.

Die Kosten für Überkapazitäten sind geringer als Kosten durch sprunghaft steigende Gaspreise im Falle einer Gasmangellage.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Wann die Gaspreise deutlich unter das jetzige Niveau fallen könnten"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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