Karsten Rogall, Geschäftsführer der Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (LVV).

Karsten Rogall, Geschäftsführer der Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (LVV).

Bild: © Eric-Kemnitz.Com/Leipziger Gruppe/dpa

Fernwärme aus Gas statt Braunkohle - diesen Weg hat Leipzig vor drei Jahren entschlossen beschritten. Derzeit wird ein großes Gaskraftwerk gebaut. Der Geschäftsführer der Leipziger Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft (LVV) Karsten Rogall, sagt im dpa-Interview, warum er den Weg auch nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine für richtig hält.

Was haben Sie als Energie-Manager gedacht, als der Ukraine-Krieg ausbrach und auch relativ schnell die Konsequenzen wie der Stopp der Gaspipeline Nordstream 2 klar wurden?

Abseits der Betroffenheit war das zunächst einmal Entsetzen und auch von Sorge geprägt, weil uns natürlich klar ist, dass in der deutschen Energiewirtschaft mehr als 50 Prozent der benötigten Gasmengen aus Russland stammen. Lieferbeeinträchtigungen oder gar eine Beendigung der Gaslieferungen waren und sind für mich nur schwer denkbar. Das wäre eine Katastrophe für die deutsche Industrie. Konkret für Leipzig stand natürlich die Frage im Raum, was das für die kurzfristige Versorgungssicherheit, aber auch für unsere langfristigen Investitionsentscheidungen bedeutet.

2019 wurde der "Leipziger Weg" angekündigt - raus aus der Fernwärmeversorgung aus Braunkohle, rein ins Gas mit dem Bau eines großen neuen Heizkraftwerkes. Was bedeutet das jetzt für diesen Weg?

Dass wir auf dem richtigen Weg sind, auch wenn wir ihn immer wieder nachjustieren.

Sie können den Weg trotz der Situation in der Ukraine weiter beschreiten?

Absolut. Wir können aktuell die Versorgungssicherheit in der Stadt Leipzig aufrechterhalten. Da sind wir zwar angespannt, aber nicht panisch - auch wenn an den Märkten die Preise verrücktspielen. Wir beziehen im Moment noch Wärme aus dem Braunkohlekraftwerk Lippendorf, wir haben große und kleine Gaskraftwerke in der Stadt, die auch alle laufen. Selbst wenn gar kein Gas mehr zur Verfügung stünde, können wir die Wärme und den Strom aus Heizöl erzeugen.

Woher kommt das Gas, das in Leipzigs Kraftwerken genutzt wird und auch für das neue Kraftwerk eingeplant ist?

Es stammt vom Großhandelsmarkt. Da wird der Anteil an russischem Gas ähnlich sein wie es in ganz Deutschland der Fall ist. Allerdings vermuten wir das, wissen können wir es nicht. Klar ist: Das neue Kraftwerk ist auf das Gas angewiesen. Aber wir benötigen es derzeit nicht, um die Versorgungssicherheit in Leipzig aufrechtzuerhalten.

Allerdings sollte das neue Heizkraftwerk ja der Weg raus aus der Braunkohle sein?

Ja, das ist so. Für uns geht es jetzt erstmal darum, die akute Krise zu überstehen. Am Ende muss man natürlich feststellen, dass die Bundesrepublik ihre Bezugsquellen stärker diversifizieren muss. Wir dürfen uns nicht noch einmal in eine solche Abhängigkeit von Autokraten begeben. Wir gehen davon aus, dass Deutschland noch sehr lange auch auf russisches Erdgas angewiesen sein wird. Aber es müssen nicht 55 Prozent sein, es reichen auch 20 oder 25 Prozent. Unser Weg in Leipzig aus der Braunkohle ist ein mittel- bis langfristiger. In zwei bis drei Jahren, wenn wir die Situation hinter uns gelassen haben, dann wirkt das, was wir hier aufgesetzt haben, völlig richtig. Zudem ist unser Gaskraftwerk als erstes in Deutschland Wasserstoff-ready.

Ursprünglich hieß es, Leipzig könne mit dem neuen Gaskraftwerk schon 2023 aus der Braunkohle-Fernwärme raus?

Wir haben uns schon vor zwei Jahren entschlossen, den Vertrag mit dem Braunkohlekraftwerk Lippendorf, der eigentlich bis 2022 gilt, nochmal um drei Jahre zu verlängern - aus dem Aspekt der Versorgungssicherheit heraus. Wir konnten auch aufgrund der Pandemie nicht 100 Prozent sicher sein, ob wir den Bau des Gaskraftwerks in der geplanten kurzen Zeit auch schaffen.

Könnte man diese Verträge auch noch weiter verlängern oder ist 2025 definitiv Schluss?

Der Kraftwerksbetreiber würde sicher gerne verlängern. Unser Vertrag läuft bis 2025. Derzeit können wir uns eine Verlängerung nicht vorstellen.

Stichwort Wasserstoff - ab wann stünde denn grüner Wasserstoff zu Verfügung, den Sie im neuen Heizkraftwerk verbrennen könnten?

Das kann ich nicht seriös beantworten, weil ich auch nicht schlauer bin als andere in der Branche. Wir könnten in den Turbinen mit Inbetriebnahme 30 Prozent Wasserstoff mit verbrennen, das hat uns der Lieferant Siemens Energy vertraglich zugesichert. Es würde also in der ersten Phase eine Beimischung werden. Aber es gibt im Moment noch überhaupt keinen grünen Wasserstoff verfügbar in Deutschland. Dazu kommt: Er muss bezahlbar sein.

Welche Preisentwicklung erwarten Sie?

Wegen der immer höheren CO2-Bepreisung wird die Wärme aus Lippendorf immer teurer. Gas hat nur ein Drittel der CO2-Last von Braunkohle. Wir sehen jetzt schon, dass die Gaspreise in zwei Jahren am Terminmarkt wieder halbwegs normal werden. In der langfristigen Perspektive gehen wir immer noch davon aus, dass die geringere CO2-Last bei Erdgas - und gar keine CO2-Last bei Wasserstoff - zu einer relativen Preisstabilität führen werden. Außerdem setzen auch wir nicht alles auf eine Karte. Wir beschäftigen uns beispielsweise mit dem Einsatz von Biomasse, wir entwickeln große Solarthermieflächen, wir wollen industrielle Abwärme nutzen. Die technologische Bandbreite ist groß. (dpa/hcn)

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