Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Diese Woche fielen die Preise auf den tiefsten Stand seit drei Monaten. Die Gaskrise ist damit nicht vorbei.

Die Terminmärkte zeigten sich vom jüngsten Preisverfall an den Spotmärkten weitgehend unbeeindruckt.

Habeck kritisiert "Mondpreise"

Die Nachfrage war in dieser Woche wegen der vollen Gasspeicher und der milden Temperaturen niedrig. Zusammen mit einem verbesserten Angebot aus Norwegen setzt dies diese Woche die Spotmärkte unter Druck. Sobald aber die Temperaturen fallen, könnten die Spotpreise sich wieder dem Niveau der Terminpreise annähern.

Neben den von Bundeswirtschaftsminister Habeck kritisierten "Mondpreisen" auf dem LNG-Markt, von dem die USA als großer Flüssigerdgaslieferant maßgeblich profitierten, und einer möglichen Gaspreisdeckelung, über die die EU-Regierungschefs am Freitag sprechen möchten, ist in dieser Woche erneut das Thema "Midcat-Pipeline" in den Schlagzeilen.

Midcat: 2013 begonnen, 2019 gestoppt

Midcat steht für "Midi-Catalonia-Pipeline" und soll die Exportkapazität Spaniens über Frankreich zum Rest Europas vergrößern. Mit dem Bau der Pipeline nördlich von Barcelona wurde 2013 begonnen. Das Projekt wurde jedoch 2019 nach wirtschaftlichen Bedenken und Protesten von Umweltschützern gestoppt.

Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sucht Europa und allen voran Deutschland händeringend nach Alternativen, um die Abhängigkeit von russischem Gas zu beenden. Daher kommt nun das Midcat-Projekt wieder aus der Schublade. Bundeskanzler Olaf Scholz und der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez warben auf ihrem Treffen am Mittwoch offen für das Projekt. (Hier mehr zum Treffen.)

Spanien mit Eigeninteressen

Spanien hat natürlich eigene Interessen bei der Diskussion um die Wiederbelebung des Projekts, hat doch das Land auf der iberischen Halbinsel den eigenen Gasbedarf beim Bau der bestehenden sechs LNG-Terminals deutlich überschätzt und zahlt nun viel Geld für die teure ungenutzte Infrastruktur.

Spaniens Gasverbrauch liegt auch an kalten Wintertagen selten über 1500 GWh pro Tag. Im Sommer sind es rund 600 GWh pro Tag und aktuell circa 800 GWh pro Tag.

Selbst im Winter mehr Importkapazität als Gasbedarf

Die Importkapazitäten liegen jedoch bei insgesamt rund 2700 GWh pro Tag, zählt man die Kapazitäten der beiden Pipelines für algerisches Gas (circa 780 GWh pro Tag) und der sechs LNG-Terminals (circa 1910 GWh pro Tag) zusammen.

Damit ist die maximale Importkapazität auch an kalten Wintertagen um Faktor 1,8 größer als der tatsächliche Gasbedarf. Dazu will Spanien ein siebtes Gasterminal in Gijón mit einer jährlichen Kapazität von acht Mrd. Kubikmeter Erdgas (circa 250 GWh pro Tag) im nächsten Jahr in Betrieb nehmen.

Spanien als Gasimport-Hub?

Aktuell sind die Exportkapazitäten über die beiden Verbindungen nach Frankreich in Larrau und Biriatou/Irun mit rund 225 GWh pro Tag stark limitiert. Um sich als Import-Gashub für Europa zu positionieren, müsste Spanien also zwingend seine Pipelineverbindungen zum Rest von Europa stark ausbauen.

Beim Midcat-Projekt geht es daher darum, die bisher ungenutzten Kapazitäten des Barcelona LNG-Terminals besser zu nutzen. Die Anlage ist, was Speicher- und Ausspeicherkapazität anbelangt, das größte Flüssigerdgasterminal in Europa.

Frankreich widerwillig

Es kann täglich maximal 543 GWh pro Tag ausspeichern (Zeebrugge in Belgien: 541 GWh pro Tag). Zuletzt wurden jedoch nur rund 50 GWh pro Tag ausgespeist (Zeebrugge: 300 GWh pro Tag). In diesem Jahr konnte die Kapazität bislang nur zu 24 Prozent genutzt werden, im laufenden Monat sogar nur zu acht Prozent.

Die französische Regierung zeigt sich, auch wegen eigener Infrastrukturinteressen, weiterhin gegenüber dem Projekt ablehnend. Ob das Projekt kommt, ist offen.

Überwindung nationaler Alleingänge

Die Abkehr von russischem Erdgas ist kompliziert. Und nicht jedes LNG- oder Pipeline-Projekt ist nachhaltig. Dennoch wäre gerade jetzt ein gemeinsames europäisches Vorgehen und die Überwindung nationaler Alleingänge wichtig.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Warum diesen Winter selbst Gaspreise von 500 Euro pro MWh möglich sind"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper