Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Die europäischen Gaspreise bewegen sich nun bereits in der dritten Woche in einer Handelsspanne zwischen 50 und 60 Euro pro MWh. Der stabile Seitwärtstrend widersetzt sich damit dem insgesamt bearishen Umfeld. Einige Marktteilnehmer sprechen bereits von einer fundamentalen Preisuntergrenze. Dies hat seine Gründe.

Das Gasangebot ist gut, die Gasflüsse aus Norwegen sind hoch und es kommt weiterhin reichlich LNG an den europäischen Häfen an. Die Temperaturprognosen für die nächsten sieben Tage sind sehr mild und liegen mit Tagesmitteln in Deutschland zwischen sechs bis neun Grad Celsius, sprich vier bis sieben Grad Celsius über saisonaler Norm. In Deutschland soll die Windstromlast in den nächsten Tagen auf bis zu 45 MW hochziehen, zuletzt lag der Wert noch bei unter 20 MW.

Einfluss des Strommarkts

Durch die gefallenen Gaspreise steht Kraftwerksgas zur Stromerzeugung in unmittelbarem Wettbewerb zu Kohlekraftwerken. Das derzeitige Preisniveau für den Kohle-Gas-Switch sollte zwischen 45 und 55 EUR pro MWh liegen. Liegt der Gaspreis in diesem Bereich, kommt es zum Nachfrageeffekt vom Strommarkt. Dies stützt den Gaspreis.

Die täglichen Aussendungen der LNG-Terminals der EU und Großbritanniens liegen in dieser Woche bei durchschnittlich 5100 GWh pro Tag. Die Lieferungen über Pipelines (Norwegen, Russland, Algerien, Aserbaidschan, Libyen) machten zuletzt rund 5700 GWh pro Tag aus.

Gasspeicher gut gefüllt

Um weiterhin genügend LNG nach Europa zu ziehen, orientieren sich die Preisuntergrenzen am globalen Wettbewerberumfeld. Der Acer-LNG-Preis für Nordwesteuropa lag zuletzt bei knapp 54 Euro pro MWh. Am asiatischen JKM wurden zuletzt umgerechnet rund 57 Euro pro MWh bezahlt.

Das gute Angebot und die niedrige Nachfrage halten die Gasspeicher gut gefüllt auf hohem Niveau. Die Gasspeicher in der EU sind zu 65 Prozent gefüllt, die deutschen Speicher zu 72 Prozent. Für den laufenden Winter drohen voraussichtlich keine Engpässe mehr.

EU-Gasspeicherziele im Fokus

Die Frage ist nun, ob das Gasangebot und insbesondere das LNG-Angebot in den nächsten Wochen und Monaten ausreichen werden, um das Speicherziel der EU, die Gasspeicher bis zum 1. November zu 90 Prozent zu füllen, zu erreichen.

Ganexo veröffentlicht seit dieser Woche eine Prognose zur Entwicklung der Füllstände und ordnet diese gegenüber den EU-Speicherzielen für 1. Mai 2023 (27 Prozent), 1. Juli 2023 (46 Prozent) und 1. September 2023 (73 Prozent) ein:

Fehlende Gasmengen aus Russland

Sofern weiterhin viel LNG ankommt, die Einsparungen konstant bleiben und man unterstellt, dass sich fortan der tägliche Speichersaldo (Differenz aus Einspeicherungen und Ausspeicherungen) gemäß dem langfristigen Durchschnitt (seit 2011) entwickelt, werden alle Speicherziele in der EU und in Deutschland erreicht.

Da die Gaslieferungen aus Russland fehlen, ist nicht davon auszugehen, dass sich der Speichersaldo fortan so entwickelt wie im vergangenen Jahr. Geht man dennoch davon aus, wären die Gasspeicher bereits weit vor Beginn der Wintersaison zu 100 Prozent gefüllt.

Szenario "langfristiges Minimum"

Sollten die nächsten Wochen wider Erwarten sehr kalt werden, könnten die Gasspeicher sich bis zum Winterende auf bis zu 35 bis 40 Prozent entleeren. Sollte die Einspeicherung in der Sommersaison dann so schlecht wie in 2012 verlaufen (minimale Nettoeinspeicherung seit 2011) würden dennoch die Speicherziele zum 1. Mai und 1. Juli 2023 übererfüllt werden.

Für dieses Szenario, wir bezeichnen es als "langfristiges Minimum", ergäbe sich ein Füllstand von 69 Prozent zum 1.September 2023. Das Speicherziel bei 73 Prozent würde dann knapp verfehlt werden.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Wie stark hat das Krisenjahr 2022 den Gasmarkt wirklich verändert?"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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