Wie grundlegend hat das Jahr 2022 den deutschen Gasmarkt eigentlich gewandelt? Fest steht: Permanentes Krisenmanagement war gefragt. Die russischen Gasimporte fielen weg. In der Folge musste Deutschland extrem kostspielige Maßnahmen ergreifen, um die Diversifikation der Gasversorgung voranzutreiben. Zudem wurden die großen Gasimporteure Sefe, früher Gazprom Germania, und Uniper verstaatlicht.
Im Jahr 2022 verringerte sich der Erdgasverbrauch in Deutschland nach BDEW-Angaben gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent auf 866 TWh (Vorjahr: 1016 TWh). Dies ist der größte Rückgang seit mindestens 20 Jahren.
Verschiebungen im Energiemix
Dadurch sank auch der gesamte Primärenergieverbrauch um fünf Prozent auf 11.829 Petajoule gegenüber dem Vorjahr, wie vorläufige Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen zeigen. Interessant sind jedoch die Verschiebungen im Gesamtenergiemix: Während sich der Kernenergieanteil auf drei Prozent praktisch halbierte, gingen der Braun- und Steinkohleanteil um jeweils fünf Prozent nach oben (insgesamt je zehn Prozent). Auch die erneuerbaren Energien legten um vier Prozent zu (insgesamt damit 17 Prozent).
Die Industrie mit einem vom BDEW berechneten Verbrauch von 317 TWh (Vorjahr 370 TWh) und Haushalte 263 TWh (Vorjahr 310 TWh) sind traditionell die zwei größten Gasverbrauchergruppen in Deutschland. Danach folgen gewerbliche Verbraucher (110 TWh, Vorjahr 129 TWh) und Stromerzeugung (104 TWh, Vorjahr 121 TWh).
Deutlicher Gasverbrauchsrückgang
Der Verbrauchsrückgang lag in allen Sektoren zwischen 13 und 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Gründe dafür waren jedoch sehr unterschiedlich. Haushalte und Gewerbe profitierten maßgeblich vom milden Wetter und der dadurch geringeren Heizgasnachfrage.
Wäre das Jahr 2022 überdurchschnittlich kalt gewesen, hätte die Gesamteinsparung wohl deutlich weniger als zehn Prozent betragen.
Weniger Erdgas im Strommix
Um den Gasverbrauch zu senken, erlaubte die Bundesregierung den Kraftwerksbetreibern, den Betrieb von Kohlekraftwerken mit einer Gesamtleistung von rund neun Gigawatt bis zum Frühjahr 2024 zu verlängern.
Im deutschen Stromerzeugungsmix 2022 stieg daher der Anteil von Steinkohle nach vorläufigen BDEW-Angaben auf zwölf Prozent (Vorjahr neun Prozent) und von Braunkohle auf 20 Prozent (Vorjahr 19 Prozent). Der Einsatz von Erdgas zur Stromerzeugung sank im gleichen Zeitraum auf 14 Prozent (Vorjahr 15 Prozent).
Exporte sinken stark
Durch den graduellen Wegfall der russischen Gasimporte verändert sich die Struktur des Gastransitlands Deutschland grundlegend. Ein Teil konnte durch höhere Gasimporte aus Norwegen, aus den Niederlanden und Belgien (hauptsächlich LNG) sowie durch marginale Mengen aus Frankreich und der Schweiz kompensiert werden.
Dadurch sanken die Importe um nur 14 Prozent (1441 TWh), während die Exporte um 30 Prozent abnahmen. Dies hat für die Bedeutung von Deutschland als wichtiges Transitland deutlich verändert.
Füllen der Gasspeicher als politische Priorität
Die Exporte in die Tschechische Republik erreichten zu Beginn 2022 noch bis zu 1500 GWh pro Tag (maßgeblich über die Nord-Stream-Pipeline) und fielen dann in der Phase der intensiven Einspeicherungen in Deutschland sogar an manchen Tagen auf null.
Die Exporte gingen auch deswegen zurück, weil das Füllen der Gasspeicher politische Priorität hatte. Unabhängigen Schätzungen zufolge betrugen die Kosten für die Gasbeschaffung in Deutschland im Zeitraum Januar bis Oktober 61 Mrd. Euro gegenüber 39 Mrd. Euro im Gesamtjahr 2021.
Teuer gefüllte Gasspeicher
Die Gasspeicher wurden teuer und weitgehend ungehedged gefüllt. Würde THE beim aktuellen Preisniveau verkaufen, so schätzt der Gasspeicherbetreiberverband Initiative Energie Speichern (Ines) den Verlust auf mindestens zwei Mrd. Euro.
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Russische Gaxexporte nach Europa fallen auf historisches Tief"
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.



