Das Worst-Case-Szenario ist nicht eingetreten. Seit Donnerstag fließt wieder russisches Gas durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 – wenn auch weiterhin auf stark eingeschränktem Niveau. Statt den früher üblichen 1,75 TWh pro Tag wurden nach ersten Meldungen wieder etwa 0,7 TWh durchgepumpt.
Das entsprach in etwa den Mengen, die über die Pipeline seit Mitte Juni bis zur Wartung flossen – und etwa Deutschlands größten Gasimporteur Uniper in große Nöte stürzten.
Twitter-Updates von Netzagentur-Chef
Die Anspannung in der Bundesnetzagentur dürfte in den Stunden zuvor groß geworden sein. In mehreren Twitternachrichten gab Präsident Klaus Müller höchstselbst Updates zum Stand der Gasbuchungen über Nord Stream 1.
Am Donnerstagmorgen twitterte er dann: "Die realen Gasflüsse auf der #NordStream1 liegen über der Nominierung und können heute das Vor-Wartungsniveau von ca. 40 % Auslastung (ca 700 GWh/d) erreichen. Die politische Unsicherheit und die 60-prozentige Kürzung von Mitte Juni bleiben leider bestehen."
SPD-Abgeordneter: "Müssen diversifizieren"
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Bengt Bergt, der in seiner Fraktion insbesondere für die Themen Klima und Energie zuständig ist, kommentierte seinerseits auf Twitter: "Wenn man so abhängig ist, dass ein ganzer Kontinent auf einen Durchflussmesser starrt, läuft was falsch! Wir müssen #diversifizieren und den #ErneuerbareEnergien-Ausbau schnellstens voran bringen."
Zu Vorsicht mahnten auch die Energiebranchenverbände BDEW und VKU. "Putin setzt Gas als Waffe in seinem Wirtschaftskrieg ein", kommentierte etwa VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing. "Insgesamt bleibt die Lage damit angespannt und unsicher." Wichtig sei, dass alle – Politik, Energiewirtschaft, Wirtschaft insgesamt und Bürgerinnen und Bürger - jetzt nicht nachließen, sondern für den Ernstfall im Winter vorsorgten.
Bieberbach: "Süddeutschland besonders betroffen"
Deutlich wurde auch Florian Bieberbach, Chef der Stadtwerke München. Die Lage bleibe weiter ernst, da die Gasflüsse immer noch zu gering seien, sagte er. "Hiervon ist Süddeutschland besonders betroffen."
Es bleibe völlig ungewiss, ob die aktuelle Liefermenge in den kommenden Monaten verlässlich sei. "Die Bundesministerien für Wirtschaft und Klimaschutz sowie
für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz müssen nun schnell und ohne Denkverbote handeln und dabei die besonders angespannte Situation in Süddeutschland im Fokus haben."
THE soll drei weitere Speicher befüllen
Wie prekär die Situation weiterhin ist, machte das Bundeswirtschaftsministerium schon am Mittwoch klar – noch bevor es tags darauf ein neues Energiesparpaket präsentierte.
Es beauftragte den Gas-Marktgebietsverantwortlichen Trading Hub Europe (THE), drei weitere Gasspeicher zu befüllen, um die gesetzlichen Füllstandsvorgaben sicherzustellen und so besser für den kommenden Winter gerüstet zu sein. Bislang speichert das Unternehmen im Auftrag des Bundes in die Speicher Rehden und Wolfersberg ein.
Jemgum, Nüttemoor und Katharina
Jetzt kommt der Speicher Jemgum in Niedersachsen hinzu, der von Astora, einer Tochter der früheren Gazprom Germania, jetzt Sefe, betrieben wird und eine Kapazität von 8,1 TWh hat. Sein Füllstand betrug zuletzt 48 Prozent. Zudem fällt die Befüllung des ebenfalls in Niedersachsen gelegenen Speichers Nüttermoor H3 (2,5 TWh) in den THE-Verantwortungsbereich. Die Anlage wird vom Oldenburger Energiekonzern EWE betrieben. Sie war zuletzt zu 26 Prozent voll.
Auch den gemeinsam von Gazprom Export und VNG betriebenen Katharina-Speicher (5,5 TWh) in Sachsen-Anhalt soll nun THE befüllen. In die Anlage wurde dieses Jahr bislang noch gar nicht eingespeichert. Der Füllstand betrug zuletzt 19 Prozent.
"Sind Russland momentan ausgeliefert"
Unklar bleibt, wie sich die Gasflüsse bei Nord Stream 1 weiterentwickeln. Bundesnetzagentur-Chef Müller gab zu bedenken, dass Russlands Präsident Wladimir Putin unlängst Aussagen gemacht habe, die auf eine Drosselung auf 20 Prozent hindeuten könnten.
"Wir sind Russland momentan ausgeliefert, weil sie darüber entscheiden, wie viel Gas Nord Stream 1 an uns weiterleitet." Umso wichtiger seien Einsparungen und der Bezug aus anderen Quellen.
Vorsorge für kalten Winter
Bei ihren Prognoseberechnungen geht die Bundesnetzagentur von einem durchschnittlichen Winter 2022/23 aus und davon, dass die neuen LNG-Terminals an der Nordsee Wilhelmshaven und Stade ab Januar 2023 einsatzbereit sind.
Wenn aber der Winter besonders kalt werde und die Terminals nicht schnell genug in Betrieb genommen werden, "müsste das durch zusätzliche Einsparungen kompensiert werden, um eine Gasmangellage zu vermeiden beziehungsweise zu niedrige Füllstände im Frühjahr zu vermeiden", sagte Müller.
"Signifikant Gas eingespart"
Auch wegen des warmen Sommers komme man bei den Gaseinsparungen derzeit voran. Deutschland habe "signifikant Gas eingespart". Aber: "Das Harte ist der Herbst und der Winter", sagte der Behördenchef. "Dann geht es um die realen Verbräuche, dann müssen die Massen eingespart werden." (aba/dpa)



