Was waren das für außergewöhnliche Zeiten, die letzten Augusttage vor einem Jahr: Am 25. August kletterten die Gaspreise auf ihren bisher höchsten Stand, der damalige Frontmonat Sept-22 kam mit 319 Euro pro MWh aus dem Handel. Schon im Juni hatten die Gaspreise die 100-Euro-Marke-überschritten und hielten sich über dieser Schwelle bis kurz vor Weihnachten.
Die Gasspeicher waren damals in Europa zu 78 Prozent gefüllt, Deutschlands größter Gasspeicher Rehden nur zu 66 Prozent. Um eine sichere Gasversorgung den Winter hindurch zu gewährleisten, war Europa gezwungen, die Speicher so voll wie möglich zu machen. Glücklicherweise fiel der Winter zunächst recht warm aus. Zudem war die Nachfrage Chinas abriegelungsbedingt noch auf niedrigem Niveau.
Situation heute deutlich besser
Die Situation heute ist deutlich besser, wenn auch nicht sorgenfrei. Die Gasspeicher der EU sind zu 93 Prozent gefüllt, Deutschlands größter Speicher Rehden liegt bei einem Füllstand von 96 Prozent.
Die Abhängigkeit von russischen Pipelinelieferungen hat sich hin zu LNG-Spotlieferungen verschoben, was zuletzt für Preisbewegungen an den europäischen Gasmärkten sorgte.
Japan größter Abnehmer von australischem LNG
Die Arbeiter der australischen LNG-Terminals Wheatstone und Gorgon LNG haben für einen Streik ab 7. September gestimmt. Ein einmonatiger Streik könnte dem Markt rund 2,2 Mio. Tonnen LNG entziehen. Im vergangenen Jahr dauerte ein vergleichbarer Streik in der australischen Anlage Shell Prelude FLNG zwei Monate.
Lieferungen aus Gorgon LNG und Wheatstone gehen in der Regel nach Asien. Größter Abnehmer australischen Flüssigerdgases ist Japan. Im laufenden Jahr bezog das ostasiatische Land 250 von insgesamt 587 Schiffslieferungen aus Australien (Anteil von 43 Prozent). China erhielt im gleichen Zeitraum 193 Lieferungen aus Australien (37 Prozent).
Japan hat nicht so viele LNG-Speicher
Japan verfügt nur über begrenzte LNG-Speicher, die derzeit nur mit etwa 1,8 Mio. Tonnen LNG befüllt sind (rund 0,2 Mio. Tonnen unter dem Fünf-Jahres-Durchschnitt). Im Falle eines Streiks würde Japan wahrscheinlich fehlende Lieferungen auf dem Spotmarkt kaufen und so LNG von Europa abziehen.
Die Gasexporte Norwegens via Pipeline fallen in dieser Woche mit einer durchschnittlichen Lieferung von 2000 GWh pro Tag auf ein neues Vier-Jahrestief. Nur im September 2019 waren die Lieferungen mit rund 1600 GWh pro Tag noch niedriger.
In Deutschland zuletzt netto ausgespeichert
Damit fehlen dem europäischen Markt gegenüber der Vorwoche rund 1400 GWh pro Tag. Verantwortlich für die gesunkenen Lieferungen sind umfangreiche Wartungsarbeiten in den norwegischen Gasfeldern und -terminals, insbesondere die Jahreswartungen im Troll-Feld und in der Anlage Kollsnes.
Das Gasangebot in Europa sinkt daher in dieser Woche mit durchschnittlich 8700 GWh pro Tag auf den tiefsten Stand seit mindestens fünf Jahren. Auf der Nachfrageseite zogen zum Ausgleich die Ausspeicherungen an und der Speichersaldo (Einspeicherung – Ausspeicherung) sinkt von der Vorwoche 1800 GWh pro Tag auf zuletzt rund 600 GWh pro Tag. In Deutschland wurde zuletzt netto ausgespeichert (Saldo: minus 230 GWh pro Tag).
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des jüngsten Artikels: "Gaspreisausschläge wie zuletzt verändern die Beschaffungsrisiken fundamental"
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.



