In den vergangenen zwei Wochen haben die Meldungen zum australischen Arbeiter- und Tarifkonflikt für eine hohe Volatilität an den europäischen Gasmärkten gesorgt. Die Gaspreise pendelten dabei zwischen 25 und 60 Euro pro MWh. Nicht die tatsächliche, sondern eine mögliche Einschränkung des Gasangebots führte zur Rallye.
Vor der Energiekrise dominierten Erdgaslieferungen via Pipeline den europäischen Gasmarkt. Deren Anteil fiel zuletzt auf 43 Prozent am europäischen Gasmix mit Norwegen als Hauptlieferant. LNG-Lieferungen auf dem Seeweg machen mittlerweile knapp 50 Prozent des europäischen Gasangebots aus. Dies setzt den europäischen Gasmarkt deutlich stärker als bisher dem globalen Ereignissen aus.
Vor der Energiekrise undenkbar
Zwischen 2013 und 2020 stiegen die Gaspreise an den europäischen Gasmärkten nur selten über 40 Euro pro MWh. Der niederländische TTF notierte in diesem Zeitraum nur zweimal über 40 Euro pro MWh (Settlement), nämlich an den ersten zwei Märztagen des Jahres 2018, als kältebedingt der Day-Ahead erst auf 42 und dann auf 71 Euro pro MWh stieg – das damalige Allzeithoch.
Die damalige Preisspitze war das Ergebnis einer konkreten Angebotsverknappung. Die Händler waren wegen der kurzfristigen Kälteperiode short, mussten also Gas zukaufen. Es kam zu Panikkäufen. Im LNG-Markt von heute kann bereits die Aussicht auf eine mögliche und zumal nicht konkretisierte Angebotseinschränkung zu ähnlichen Preisspitzen führen.
Auch interessant: Australien-Update: Streikgefahr schwindet – Preisverfall auf den Gasmärkten
Volatile Terminmärkte
Eine wesentliche Veränderung sind auch die deutlich volatileren Reaktionen der Terminmärkte. Durch den australischen Konflikt verteuerten sich die Terminkontrakte zeitweise um bis zu 30 Prozent. Der Kalenderkontrakt Cal-24 ging um bis zu 15 Prozent nach oben.
Während der Kältetage im März 2018 zeigten die Terminmärkte nahezu keine Reaktion. Der Frontmonat am TTF hielt sich stoisch bei rund 18 Euro pro MWh. Nur wenige Male in den Vorkrisenjahren stieg der Preis überhaupt nahe an die 30-Euro-Grenze. Dies war jedoch auf wenige Perioden in den Jahren 2013, 2014 und 2018 beschränkt, als auch die Spotpreise auf ähnlichem Niveau notierten.
Möglicher Preiskorridor immens
Die hohe Volatilität verändert die Risiken im Portfoliomanagement der Energieversorger fundamental. Waren bisher hohe Preisspitzen auf den Spotmarkt beschränkt, so konnte eine diversifizierte Einkaufsstrategie diese Risiken recht gut minimieren.
Indexiert ein Einkäufer seine Verträge nun auf den Frontmonat beziehungsweise das Frontkalenderjahr, muss von einem möglichen Preiskorridor zwischen 20 und 60 Euro pro MWh ausgegangen werden, um das Risiko von multipel auftretenden Preisschwankungen richtig einpreisen zu können.
Hohe Volatilität bis 2025
Preisspitzen im Falle einer konkreten Verknappung sind damit jedoch noch nicht abgedeckt. Daher ist mindestens innerhalb der nächsten zwei Jahre nicht mit einem signifikanten Sinken der Endkundenpreise zu rechnen.
Erst ab 2025 soll sich das globale LNG-Angebot signifikant erhöhen. Mindestens bis dahin könnte der Wettbewerb zwischen Europa und Asien immer wieder für schnell auftretende Turbulenzen an den Märkten sorgen.
Winter-24 teuerster Kontrakt auf Terminkurve
Die Terminmärkte notieren derzeit bis einschließlich dem Jahr 2025 zwischen 45 und 55 Euro pro MWh. Die Händler gehen derzeit auch nach dem folgenden Winter nicht von einer Entspannung aus. Winter-24 ist derzeit mit rund 55 Euro pro MWh der teuerste Kontrakt auf der gesamten Terminkurve.
Von einer nachhaltigen Rückkehr der Erdgaspreise auf Vorkrisenniveau ist derzeit nicht auszugehen. Am langen Ende der Terminkurve notiert Cal-27 ungefähr auf dem Niveau der aktuellen Spotpreise, bei rund 32 Euro pro MWh.
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des jüngsten Artikels: "Wind, Hitze und LNG: Was die Gaspreisrallye weiter anheizen könnte"
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.



