Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Nach dem Tiefststand der Spotpreise zum Wochenbeginn setzten die Spotmärkte Ihre Rallye am Donnerstag fort. Unterdessen ist in den deutschen Gasspeichern so viel Gas wie noch nie zuvor gespeichert.

Maßgeblich für die Zugewinne an den Spotmärkten sollten die deutlich nach unten korrigierten Temperaturprognosen und eine geringere Windstromproduktion in den nächsten Tagen sein. Dazu sollten die zuvor stark gefallenen Preise für Nachfrageeffekte geführt haben, was die Aufwärtsbewegung unterstützt haben könnte.

Spotpreise bei rund 20 Euro pro MWh

Die Spotpreise waren zu Beginn der Woche bei rund 20 Euro pro MWh auf den tiefsten Stand seit April 2021 gefallen. Vielleicht haben wir im laufenden Winter bereits das Tief gesehen. Die letzten Wochen waren außergewöhnlich mild und das LNG-Angebot außergewöhnlich hoch.

Im Oktober war die Gasnachfrage in Deutschland mit insgesamt 54 TWh rund 36 Prozent niedriger als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre. In der EU lag das Minus insgesamt bei 27 Prozent. Das heißt, es wurden im Monat Oktober in der EU 250 TWh Erdgas weniger verbraucht als üblicherweise.

Italien speichert viel weniger ein als Deutschland

Die niedrige Nachfrage im Oktober ermöglichte Einspeicherungen auf Rekordhoch. In Deutschland wurden im Oktober netto rund 19 TWh eingespeichert, rund 30 Prozent mehr als üblicherweise in diesem Zeitraum. Dies hob sich gegenüber den restlichen EU-Staaten deutlich ab. Italien, das Land mit den zweitgrößten Speicherkapazitäten in der EU, speicherte im Oktober nur rund neun TWh Erdgas ein.

Die Gasspeicher in Deutschland sind daher nun zu 99 Prozent gefüllt. Auch der Füllstand in Rehden stieg zuletzt auf 92 Prozent. Damit sind in deutschen Gasspeichern knapp 244 TWh Erdgas eingelagert – so viel wie noch nie zuvor.

Entsog-Winterausblick

Im Vergleich zum Fünfjahresmittel sind damit in Deutschland rund 30 TWh mehr eingespeichert als üblicherweise zu Beginn November. In der EU beläuft sich das aggregierte Plus auf 65 TWh mehr Speichergas als im Fünfjahresmittel.

Der Verband Europäischer Fernleitungsnetzbetreiber für Gas (Entsog) gibt in seinem in der vergangenen Woche erschienenen Winterausblick zumindest für einige Szenarien Entwarnung.

Speicherstände entscheidend

Für den Fall eines Referenz-Winters (Temperaturen auf Normniveau) und einer zweiwöchigen Kältephase im Februar sollte laut Entsog ausreichend Flexibilität im Gasnetz verbleiben, um Nachfragekürzungen zu vermeiden.

Bei einem außerordentlich kalten Tag im Februar eines Normwinters würde der Speicherstand entscheidend sein. Bei einem Speicherstand 50 Prozent würden nur rudimentäre Kürzungen drohen. Befände sich der Speicherstand jedoch bei 20 Prozent, könnte dies zu Nachfragekürzungen von 14 Prozent in vielen EU-Staaten führen.

Kalt-Winter-Szenario

Im Kalt-Winter-Szenario und einer zweiwöchigen Kältephase im Februar wäre laut Entsog entscheidend, ob die EU-Staaten das 15 Prozent Erdgas-Einsparziel umgesetzt haben. Nur dann ließen sich Nachfragekürzungen vermeiden.

Im Worst-Case-Szenario der Entsog (kein russisches Gas und Kalt-Winter) könnte ein außergewöhnlich kalter Tag im Februar auch in Deutschland Nachfragekürzungen von 21 Prozent verursachen. Gerade in diesem Szenario käme dem 15 Prozent Einsparziel zentrale Bedeutung zu, um die drohenden Nachfragekürzungen zu mindern.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Warum der Winter 2023 deutlich schwieriger werden könnte als 2022"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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