Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Mit dem Stopp der russischen Gaslieferungen nach Polen und Bulgarien nehmen die Sorgen auch in Deutschland über einen möglichen Lieferstopp der russischen Gaslieferungen zu. Das Tabu ist damit gebrochen. Russland setzt seine Energielieferungen als Waffe gegen Europa ein.

Die Vorgehensweise reiht sich in die mittelweile bekannten Verhaltensweisen Putins ein: Erst im Kleinen probieren, um später, wenn nichts passiert, weitere Tabubrüche zu wagen.

Ausfallrisiko hält sich für Kreml in Grenzen

Im Kleinen möchte hier heißen, dass sich das finanzielle Ausfallrisiko für den Kreml mit den Lieferstopps nach Polen und Bulgarien in Grenzen hält.

Die Lieferungen nach Polen betrugen in den letzten Wochen im Durchschnitt 250 GWh/Tag, nach Bulgarien wurden zuletzt rund 70 GWh/Tag geliefert. Zum Vergleich: Russland liefert über Nord Stream 1 täglich mehr als 1700 GWh/Tag.

Polen hat eigenes LNG-Terminal

Polen bezog im vergangenen Jahr zwar noch mehr als 50 Prozent seiner Erdgasimporte aus Russland, wollte sich aber zum Ende des Jahres ohnehin von der Abhängigkeit lösen.

Polen verfügt über ein eigenes LNG-Terminal in Swinemünde, dessen Kapazität ausgebaut werden soll. Die Gasspeicher sind zu 75 Prozent gefüllt. Dazu soll die Baltic-Pipeline mit Beginn 2023 in Betrieb gehen, welches Gas aus Norwegen importieren soll.

Situation in Bulgarien anders

In Bulgarien sieht die Situation ein wenig anders aus. Das Land war im vergangenen Jahr zu mehr als 90 Prozent von russischen Gaslieferungen abhängig. Der Gasverbrauch des Landes mit rund 60 bis 100 GWh/Tag ist deutlich niedriger als in Polen (500 GWh/Tag). Das heißt: Die Auswirkungen auf die Industrie sind wohl weniger gravierend.

Dennoch wird das Gas fehlen, zumal die bulgarischen Gasspeicherkapazitäten stark limitiert sind und wenige Alternativen sofort verfügbar sind. Denkbar wäre sicherlich ein Ausbau der aserbaidschanischen Lieferungen nach Griechenland und deren Weiterleitung nach Bulgarien. Aserbaidschan lieferte auf der TAP-Pipeline zuletzt rund 350 GWh/Tag an den griechisch-türkischen Punkt Kipoi.

Gasboykott einzig wirksame Antwort

Russland hat mit dem Gaslieferstopp die vereinbarten Regeln gebrochen. Europa muss nun entschlossen darauf reagieren. Ansonsten werden die Tabubrüche und Regelverletzungen zum Normalzustand.

Ein Gasboykott Europas brächte sicherlich für uns alle einen großen ökonomischen Schaden, ist aber die einzig wirksame Antwort auf das kriegerische Treiben Moskaus. Die Debatte in Deutschland über die möglichen volkswirtschaftlichen Auswirkungen wirkt im Hinblick auf die historische Wucht der Ereignisse kleinlich. Eine Ausbreitung des Krieges auf die Nato-Länder wäre ohnehin um ein Vielfaches teurer.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Ein Gaslieferstopp aus Russland ist notwendig – und machbar".

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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