Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Russland hat im vergangenen 2022 rund 700 TWh Erdgas via Pipelines nach Europa exportiert. Damit lagen die russischen Exporte rund 65 Prozent unter dem Fünfjahresmittel (rund 1950 TWh).

Im Januar 2023 exportierte Russland nach Europa rund 18,5 TWh, sprich 87 Prozent weniger als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Seit Mitte Januar waren die Transitlieferungen durch die Ukraine auf ein neues Tief in diesem Winter bei durchschnittlich 200 GWh pro Tag gefallen. Zur Einordnung: Die Kapazität liegt bei rund 1900 GWh pro Tag.

Neuer postsowjetischer Tiefstand

Nach offiziellen Angaben von Gazprom beliefen sich die Gesamtexporte Erdgas in 2022 auf 100,9 Mrd. Kubikmeter. Dies schließt Exporte über Pipelines und als LNG ein und bezieht sich auf den Export ins "ferne Ausland", das heißt in Länder außerhalb der ehemaligen Sowjetunion.

Dies entspricht einem Rückgang von 45 Prozent gegenüber den 185,1 Mrd. Kubikmeter aus 2021. Damit sinken die russischen Erdgasexporte 2022 auf einen neuen postsowjetischen Tiefstand (seit 1991). In 2021 beinhaltete dies 10,40 Mrd. Kubikmeter Erdgas auf der Power of Siberia-Pipeline (POS) nach China.

Gazprom: Sehr schweres Jahr

Trotz des mengenmäßigen Rückgangs verdiente Gazprom vergangenes Jahr mehr Geld mit den Energieexporten. Wegen der höheren Energiepreise stiegen die Haushaltseinnahmen aus Erdgas und Öl zwischen Januar bis Oktober 2022 um mehr als ein Drittel.

Gazprom hatte nach Angaben des Gazprom-Chefs Alexey Miller in 2022 ein sehr schweres Jahr und produzierte mit insgesamt 412,6 Mrd. Kubikmeter Erdgas (überwiegender Anteil für inländischen Verbrauch) rund 20 Prozent weniger als noch im Vorjahr.

Russlands Hoffnung: China

Gazprom wird es schwer haben, in den nächsten zehn Jahren nennenswerte neue Exportmöglichkeiten zu finden, um den gegenwärtigen Verlust der Exportkapazität nach Europa von 140 bis 150 Mrd. Kubikmeter pro Jahr auszugleichen.

Die Hoffnung Russlands liegt daher auf China. Die Lieferungen auf der Power-of-Siberia-Pipeline 1 (POS 1) sollen spätestens in 2025 die volle Kapazität von 38 Mrd. Kubikmeter Erdgas erreichen. Russland plant seine Erdgasexporte nach China bis 2030 auf 100 Mrd. Kubikmeter zu erhöhen. Die Projekte POS 2 und POS 3 sollen bis 2030 50 Mrd. Kubikmeter bzw. bis 2026 zehn Mrd. Kubikmeter Erdgasexportkapazitäten schaffen.

Mehr LNG aus Russland?

Russland wird die Power-of-Siberia-Projekte viele Milliarden kosten. Die Vertragspreise für die Erdgaslieferungen sind jedoch in China niedriger als in Europa. POS 2 ist bisher nicht final vereinbart. Ob die anvisierten 100 Mrd. Kubikmeter bis 2030 erreicht werden, ist fraglich. Einige Beobachter schätzen die Exportkapazität bis 2030 realistisch auf nur 50 bis 60 Mrd. Kubikmeter.

Zu Russlands Exportplänen gehört die Erhöhung der Flüssigerdgaslieferungen aus den LNG-Projekten Yamal und Arktis der PA Novatek. Dazu sollen die Exporte aus den beiden Sachalin-Projekten gesteigert werden.

EU importiert mehr russisches LNG

Derzeit gibt es kein europäisches Embargo für russische LNG-Lieferungen. Die EU importierte 2022 deutlich mehr russisches Flüssigerdgas als noch 2021. Zwischen Januar und September 2022 stiegen die Importe um 45 Prozent auf insgesamt 16,5 Mrd. Kubikmeter Erdgas.

Die russischen LNG-Exporte kletterten 2022 um fast zehn Prozent auf knapp 33 Millionen Tonnen nach oben. Ob eine weitere Steigerung wegen der derzeitigen Sanktionen möglich ist, erscheint fraglich. Dass Russland oder China eigene Verflüssigungstechnologien entwickelt, ist zwar nicht unmöglich, aber derzeit nicht in Sicht.

Norwegen erhöhte Exporte

Norwegen exportierte 2022 an seine europäischen Abnehmer rund 1300 TWh Erdgas – ein Plus gegenüber dem Fünfjahresmittel von etwa drei Prozent. Die norwegischen Gasexporte liegen im Januar insgesamt um knapp ein Prozent unter dem Fünfjahresmittel.

Zur Vervollständigung: Algerien exportierte nach Europa im vergangenen Jahr rund 335 GWh Erdgas, knapp fünf Prozent mehr als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre. Aserbaidschan legte mit 122 TWh gegenüber den Vorjahren rund 16 Prozent zu. Die libyschen Gasexporte nach Europa zeigten sich mit knapp 27 TWh rund 40 Prozent schwächer als im Fünfjahresmittel.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Nach Rekordtempo: Wie ist der aktuelle Stand bei den deutschen LNG-Terminals?"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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