Von Daniel Zugehör
Biogas kann Erdgas deutlich schneller und umfassender ersetzen als bislang von der Bundesregierung angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Instituts für Zukunftsenergie- und Stoffstromsysteme (IZES) und des Fachverbands Biogas.
Damit könnten zentrale Annahmen der aktuellen Kraftwerksstrategie ins Wanken geraten. Während Berlin auf den Neubau von H2-ready-Gaskraftwerken setzt, zeigt die IZES-Analyse, dass die bestehenden Biogasanlagen im Land deutlich größere Potenziale bergen.
Potenziale bislang systematisch unterschätzt
Für ihre Studie verglichen die IZES-Fachleute die realen technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten der Branche mit den Annahmen gängiger Energiesystemmodelle. Ihr Fazit ist deutlich: Die Potenziale von Biogas seien über Jahre hinweg unterschätzt worden. "Viele Studien haben die ganze Bandbreite der Biogasnutzung bislang nicht abgebildet", erklärt Patrick Matschoss vom IZES. "Unser Ergebnis zeigt, dass Biogas sehr viel mehr leisten kann."
Bereits Mitte der 2030er-Jahre könne Biogas – durch flexible Vor-Ort-Verstromung oder als aufbereitetes Biomethan – erhebliche Erdgasanteile im Strom- und Wärmesektor sowie Wasserstoff in verschiedenen industriellen Anwendungen ersetzen. Das steht im Widerspruch zu bisherigen Einschätzungen, wonach Deutschland neue fossile Kraftwerke brauche, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Scharfe Kritik an der Kraftwerksstrategie
Entsprechend deutlich äußert sich der Fachverband Biogas. Präsident Horst Seide warnt vor milliardenschweren Fehlentscheidungen: "Es ist ökonomischer und ökologischer Irrsinn, jetzt in neue fossile Gaskraftwerke zu investieren, die frühestens in den 30er-Jahren ans Netz gehen. Unsere Bestandsanlagen sind da – und sie können schon in wenigen Jahren massiv Erdgas ersetzen", betont Seide.
Der Verband fordert deshalb eine grundlegende Neuausrichtung der Energiepolitik. Statt Neubauten brauche es einen klaren Plan für die Modernisierung und Nutzung bestehender Biogasanlagen. Die Studie verweist zudem auf volkswirtschaftliche Vorteile: Durch die stärkere Nutzung regional erzeugter Bioenergie könnten Importabhängigkeiten sinken. Biogas leiste außerdem einen wichtigen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft, etwa durch die Verwertung landwirtschaftlicher Reststoffe und die Einsparung von mineralischem Dünger.
Appell an die Bundesregierung
Vor dem Hintergrund laufender politischer Prozesse – unter anderem zum Biomassepaket, zur Kraftwerksstrategie, zum Gebäudeenergiegesetz und zur Gasnetzzugangsverordnung – fordert der Fachverband mehr Investitionssicherheit. "Berlin agiert zurzeit ohne langfristige Perspektive. Das verunsichert die Branche", so Seide weiter.
Die IZES-Studie biete nun eine wissenschaftliche Grundlage für eine Kurskorrektur: Biogas statt Erdgas – so lautet der Appell an die Bundesregierung, eine klare Biogas- und Biomethanstrategie zu entwickeln. Die 138-seitige Studie ist online als PDF erhältlich.



