Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Nachdem sich die Gaspreise im Mai stark nach unten bewegt hatten, ging es diesen Monat wieder nach oben. Im Juli zeigen sich die Märkte üblicherweise weniger volatil. Ob das auch für dieses Jahr gilt, ist fraglich.

Am deutschen Handelspunkt THE bewegte sich der Day-Ahead bisher im Juni zwischen 24 und 42 Euro pro MWh. Betrachtet man die durchschnittliche Volatilität des Day-Ahead in allen Juni-Monaten seit 2013 in Relation zum aktuellen Handelspreis, lag das 95-Prozent-Konfidenzintervall diesmal zwischen 25 und 37 Euro pro MWh.

Ungewöhnliche große Preisschwankungen

Die unsichere Angebotssituation und Exposition am LNG-Weltmarkt führte im laufenden Monat auch auf den Terminmärkten zu außergewöhnlich großen Preisschwankungen. Da die Befüllung der Gasspeicher stark von der LNG-Angebotssituation in den nächsten Monaten abhängt, zeigten sich insbesondere die Kontrakte für das dritte und viertel Quartal 2023 (Q3-2023 und Q4-23) sehr schwankend.

Im langjährigen Mittel sind volatile Preise für die zwei Frontquartale im Handelsmonat Juni nichts Ungewöhnliches. Q3-23 handelte jedoch im Juni zwischen 26 und 42 Euro pro MWh, was um mehr als zehn Prozent außerhalb des 95-Prozent-Konfidenzintervalls der Jahre 2013 bis 2022 liegt.

Unsicherer Ausblick auf Handelsmonat Juli

Der Handel des Frontquartals Q4 im Juli ist im langjährigen Mittel deutlich weniger volatil als der Handel von Q3 im Juni. Gründe sind unter anderem die lange Zeitperiode bis zur Belieferung und die Tatsache, dass im Juli noch keine verlässlichen Wetterprognosen vorliegen, die eine exakte Nachfrageprognose ermöglichen.

Beim aktuellen Handelspreis liegt das 95-Prozent-Konfidenzintervall für Q4-23 zwischen 44 und 54 Euro pro MWh. Ob der Gaspreis aus dieser Handelsspanne abweichen wird, hängt unter anderem vom LNG-Angebot, den norwegischen Exporten und der weiteren Entwicklung im Ukraine-Konflikt beziehungsweise der politischen Situation in Russland ab.

Wartungsarbeiten in Norwegen

Die derzeitigen umfangreichen Wartungsarbeiten in Norwegen sollen laut Wartungskalender am 15. Juli beendet sein. Derzeit ist die verfügbare Exportkapazität um 150 Mio. Kubikmeter eingeschränkt. Eine ungeplante Verlängerung der Wartungsperiode würde sich preistreibend auf die Märkte auswirken.

Eine weitere intensive Wartungsperiode in Norwegen ist zwischen Mitte August und Mitte September geplant. In diesem Zeitraum sollen die Kürzungen auf bis zu 175 Mio. Kubikmeter ansteigen.

LNG-Aussendungen rückläufig

Die LNG-Aussendungen in der EU und Großbritannien waren rückläufig. Wurden in der vergangenen Woche noch bis zu 4600 GWh pro Tag ausgesendet, waren es zuletzt nur 3800 GWh pro Tag.

Die Nachfrage in Asien zog an. Der dortige Leitindex JKM war zuletzt für das Gaslieferprodukt für den kommenden Winter (Win-23) spürbar teurer als sein Pendant am TTF.

Insbesondere die LNG-Aussendungen in Großbritannien zeigten sich bislang im Juni sehr schwach und zum ersten Mal in diesem Jahr längere Zeit unter dem Fünfjahresmittel (minus elf Prozent im laufenden Monat).

Beliefen sich die Aussendungen an den drei britischen LNG Terminals im Mai noch auf insgesamt rund 1200 GWh pro Tag, fiel der tägliche Wert im Juni auf zuletzt deutlich unter 400 GWh pro Tag.

Keine LNG-Lieferungen nach Großbritannien

An den europäischen LNG-Terminals werden in den nächsten 14 Tagen 32 LNG-Schiffe erwartet. Sechs Lieferungen werden in Frankreich erwartet. Jeweils vier Schiffe sollen nach Spanien beziehungsweise in die Niederlande und nach Belgien gehen.

An den deutschen LNG-Terminals Lubmin und Wilhelmshaven sollen drei LNG-Schiffe aus den USA anlanden. In Großbritannien wird dagegen in den nächsten zwei Wochen zum aktuellen Stand keine LNG-Lieferung erwartet.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Niederlande, Norwegen und China: Warum die Gasmärkte zurzeit so nervös sind"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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