Seit den Preisspitzen während der Energiekrise 2022 sind die europäischen Gaspreise um rund 90 Prozent gefallen. Die USA haben seitdem ihre Exporte von LNG massiv ausgebaut. Dies hat in Teilen die weggefallenen Lieferungen aus Russland ersetzt, aber auch die globale Energiebilanz grundlegend verändert.

US-LNG hat im laufenden Jahr bisher einen Marktanteil von 56 Prozent auf dem europäischen LNG-Markt. Damit stellen die USA rund 20 Prozent des gesamten europäischen Gasangebots. Zum Vergleich: Die Pipeline-Lieferungen Norwegens, Europas größtem Gaslieferanten, machen rund 27 Prozent des Gesamtangebots aus.

Erdgaspreise in den USA

Wegen der im laufenden Jahr verhaltenen Nachfrage in Asien und den stark gewachsenen Exportkapazitäten der USA ist Europa zum Hauptabnehmer für amerikanisches LNG geworden. Dieser konstante Zufluss übt einen Abwärtsdruck auf den TTF aus und verringert damit die Spanne – oder den Preisunterschied – zwischen den Erdgaspreisen in Europa und den USA.

Traditionell war der Preisunterschied zwischen beiden Märkten meist sehr hoch. Zu Beginn des Jahres notierte der US-amerikanische Handelspunkt Henry Hub bei rund 3 US-Dollar je Million British Thermal Units (MMBtu), was rund 10 Euro je Megawattstunde entspricht. Die Preise am TTF notierten zu diesem Zeitpunkt mehr als 30 Euro je Megawattstunde teurer. Zum Vergleich: Während der europäischen Energiekrise 2022, als die europäischen Gaspreise am TTF zeitweise über 350 Euro je Megawattstunde (rund 100 US-Dollar/MMBtu) notierten, stieg der Preis am Henry Hub lediglich auf 10 US-Dollar/MMBtu, was zu einem Rekordspread zwischen TTF und Henry-Hub-Spread von rund 90 US-Dollar/MMBtu führte.

Stark gefallener Transatlantik-Spread

Zum Ende des Jahres 2025 hat sich die Situation deutlich verändert. Die Preise am Henry Hub stiegen im Dezember bisher auf über 5,5 USD/MMBtu (rund 16 EUR/MWh). Gründe dafür waren eine starke inländische Nachfrage wegen der kalten Wetterbedingungen und eine steigende Nachfrage aus dem Dienstleistungsbereich (Data Centers, IT, KI).

Andererseits sorgt die expandierende LNG-Produktion für einen höheren Gasverbrauch (LNG-Produktion, Anlagenverbrauch). Zusammen mit den jüngst stark gefallenen europäischen Gaspreisen sank damit der TTF-Henry-Hub-Spread auf rund 4 USD/MMBtu (rund 12 EUR/MWh) und damit auf den tiefsten Stand seit März 2021. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) sanken damit die Gaspreise am europäischen TTF seitdem zum ersten Mal wieder unter die langfristigen Grenzkosten der US-amerikanischen LNG-Produktion.

Strukturelle Verringerung des TTF-Henry-Hub-Spreads

Die langfristigen Grenzkosten errechnen sich aus den Kosten für das Arbeitsgas der LNG-Produktion, Betriebskosten und -aufwendungen der Anlage und der Gebühren und Kosten für Transport und Regasifizierung am Lieferort. Gerade die LNG-Transportkosten stiegen zuletzt in diesem Winter wieder deutlich an. Bisher gehen die Analysten eher von einem kurzfristigen Phänomen aus und erwarten nicht, dass das hohe Preisniveau zu Kürzungen der LNG-Produktion beziehungsweise zu rückläufigen LNG-Lieferungen nach Europa führen könnte.

Mittelfristig erwartet jedoch die IEA, dass sich der TTF-Henry-Hub-Spread strukturell verringern wird. Mit der nächsten LNG-Welle dürfte sich der Druck auf die europäischen und auch asiatischen Gaspreise erhöhen. Der Spread könnte sich damit mittelfristig leicht über den kurzfristigen Grenzkosten der US-LNG-Produktion einpendeln.

Unser Kolumnist Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo. Er analysiert wöchentlich die aktuellen Entwicklungen im Gasmarkt für das ZfK-Morning Briefing.

Der Titel seiner letzten Analyse lautet: Europa: Mehr als 170 LNG-Lieferungen kamen 2025 aus Russland – die müssen künftig ersetzt werden

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