Viele Gasnetzbetreiber fragen sich, was aus der bestehenden Infrastruktur werden soll. Stilllegen, auf Wasserstoff umstellen oder mit Biogas dekarbonisieren? Sind die Gasnetze dafür überhaupt geeignet? Energie Südbayern (ESB), deren Tochter Energienetze Bayern über 10.000 Kilometer Verteilnetz in Ober- und Niederbayern betreibt, hat zusammen mit der Thüga den Praxistest gemacht.
Im Rahmen des Projekts "H2 Direkt" wurde ein kleiner, gut abtrennbarer Teil des Gasnetzes von Hohenwart im oberbayerischen Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm auf grünen Wasserstoff umgestellt. Dieser stammt von einem deutschen Lieferanten, wird mit Trailern herantransportiert und über eine spezielle Anlage eingespeist. Insgesamt elf Abnehmer – zehn Wohngebäude und ein Gewerbebetrieb – sind seit September 2023 angeschlossen.
Elektrolyseur und Speicher in den Startlöchern
Nach über zweieinhalb Jahren lässt sich sagen: Das Mini-Wasserstoffnetz funktioniert ohne Probleme. Im November 2025 wurden Verträge mit allen elf Abnehmern unterzeichnet – laut ESB die ersten Wasserstofflieferverträge mit Privatkunden hierzulande. Nun folgt der nächste Schritt: die Wasserstoffproduktion vor Ort.
In Hohenwart wird dazu ein Elektrolyseur gebaut, zudem ein Speicher und eine Photovoltaik-Freiflächenanlage, da der produzierte Wasserstoff grün sein soll. Das Folgeprojekt heißt "H2 Dahoam". Aktuell befindet es sich in der Konzeptionsphase; Zeitplan und genaue Anlagenspezifizierung stehen nicht fest. Zu Investitionssummen und Finanzierungsdetails äußert sich ESB derzeit auch noch nicht.
Wasserstoff: Der Markt ist da
Der Sprecher der ESB-Geschäftsführung, Marcus Böske, ordnet das Projekt ein: "Eine wesentliche Frage für Gasnetzbetreiber war bislang, ob die ursprünglich für Erdgas gebaute Infrastruktur genauso zuverlässig Wasserstoff oder Biogas verteilen kann und damit überhaupt für eine Dekarbonisierung geeignet ist."
Das Projekt in Hohenwart habe das für Wasserstoff bestätigt und zudem gezeigt, dass die Umstellung mit wenigen baulichen Maßnahmen möglich ist. Soweit die technische Seite. Aber wie sieht es mit der Wirtschaftlichkeit aus? Ist Heizen mit Wasserstoff ein belastbares Geschäftsmodell, das langfristig Einnahmen bringt? Welche Rolle kommt dem Gasnetz dabei zu?
Zuerst geht Böske auf das kommende Gebäudemodernisierungsgesetz ein. Mit den Eckpunkten habe die Bundesregierung klargestellt, dass beim Heizsystem Wahlfreiheit herrsche. Jeder könne selbst entscheiden, welche Heizung am besten zur eigenen Immobilie passe. "Das kann auch eine moderne Gasheizung sein, die sich später auf Wasserstoffbetrieb umstellen lässt." Der Markt ist also da.
Wo das Gasnetz weiter seinen Platz hat
Und das Gasnetz? Dass es weiter seinen "berechtigten Platz" hat, erklärt Böske mit der besonderen Infrastruktur im ländlichen Raum Ober- und Niederbayerns. Dort gibt es viele Unternehmen mit hohem Wärmebedarf – Autobauer, Baustoffproduzenten, Stahlverarbeiter.
Speziell in Südbayern sind die größten industriellen Abnehmer durchschnittlich 16 Kilometer vom Wasserstoffkernnetz entfernt. Ihre Gasdruck-Regelstationen hängen "wie Perlen auf einer Kette" an den gleichen Druckstufen- und Verteilleitungen wie die einzelnen Ortschaften. Für viel Geld ein weiteres Regionalnetz nur für Wasserstoff zu bauen, wäre da "volkswirtschaftlicher Unsinn".
Das vorhandene Gasnetz reicht dafür aus und ist die viel billigere Lösung. Böske sieht es als "Missing-Link", als Verbindungsstück, zwischen dem Wasserstoffkernnetz und regionalen Abnehmern aus Industrie und Gewerbe.
Was die Gemeinden vom Gasnetz erwarten
"Würden wir keine dekarbonisierte molekülbasierte Versorgung aufbauen, hätte das schlimme Folgen: Die Region würde über kurz oder lang deindustrialisiert." In den so erschlossenen Ortschaften hätte ESB dann auch die Option, Wasserstoff im Wärmemarkt einzusetzen. Die Verteilnetzinfrastruktur für alle drei – Industrie, Gewerbe und Ortschaften – zu nutzen, reduziere die Kosten der Energieverteilung.

Würden wir keine dekarbonisierte molekülbasierte Versorgung aufbauen, hätte das schlimme Folgen.
Marcus Böske
Sprecher der Geschäftsführung von Energie Südbayern
Angesichts der notwendigen hohen Investitionen bei Wärmenetzen in kleineren Kommunen sieht Böske auch im politischen Umfeld eine klare Erwartungshaltung. "Die Bürgermeister unserer Konzessionsgemeinden wollen Lösungen, die regionale Besonderheiten berücksichtigen." Da ist die Weiternutzung und Dekarbonisierung des Gasnetzes als Verbindungsstück ideal. Hauseigentümer im Bestand hätten dann auch eine zusätzliche Möglichkeit, mit grünem Gas zu heizen.
Die weiteren ESB-Planungen in puncto Wasserstoff bauen auf dem Hohenwart-Projekt auf. Wasserstoffkernnetz und regionale Abnehmer zusammenzubringen, ist da aber nur ein Teil der Strategie. Zusätzlich soll eine eigene regionale Erzeugung aufgebaut werden. Damit hat Energie Südbayern bereits begonnen.
Wie grüner Wasserstoff beigemischt wird
Fünf über das bayerische Programm Bayfeli geförderte dezentrale Elektrolyseurprojekte sind angelaufen. Die Projektpartner benötigen Wasserstoff zum Teil für ihr eigenes Geschäft, weil sie ihr Asphaltmischwerk oder das Stahlwerk dekarbonisieren wollen, oft zusammen mit der Produktion erneuerbaren Stroms.
Alle diese Projekte bieten die Chance, Wasserstoff auch im Wärmemarkt einzusetzen, so Böske. "Wir warten nicht aufs Wasserstoffkernnetz, sondern versuchen bereits vorher dezentral Bedarf und Produktion zusammenzubringen." Zudem sei es wichtig, bei den Projekten mehr über den Wasserstoffbedarf, aber auch über die Wasserstoffbeimischung ins bestehende Erdgasnetz zu lernen.
Die anfängliche Wasserstoffbeimischung in einem Ortsnetz könne als schöner Nebeneffekt auch bei der Akzeptanzfrage helfen: Wird vor Ort erzeugter grüner Wasserstoff zum Baustein einer dekarbonisierten Energieversorgung, hat die Gemeinde einen direkten Vorteil. Die Energie kann vor Ort produziert und gespeichert werden und ist im Idealfall in die kommunale Wärmeplanung integriert.

Wann dekarbonisierte Gase bezahlbar bleiben
Wie gelingt der Wasserstoffhochlauf hierzulande? Böske blickt zurück: Für den Ausbau von Sonnen- und Windstrom seien in den 90er-Jahren gute Strukturen und Rahmenbedingungen geschaffen worden, um Produktionskosten zu reduzieren und Mengen steigern zu können. "Heute diskutieren wir bei Wasserstoff und auch Biomethan seltsamerweise andersherum. Es heißt: zu wenig, zu teuer, geht nicht."
Böske appelliert an Branche und Politik, es noch einmal so zu machen wie damals bei der erneuerbaren Stromerzeugung. In einem marktwirtschaftlichen Umfeld entstehen bei "vernünftigen Rahmenbedingungen" viel Dynamik und Innovation. Die brauche es, um dekarbonisierte Gase am Ende bezahlbar zu machen. "Je mehr unterschiedliche Energieträger wir zur Verfügung haben, desto resilienter ist die Versorgung."

