Derzeit ist nachhaltig produzierter Wasserstoff noch nicht in größeren Mengen verfügbar.

Derzeit ist nachhaltig produzierter Wasserstoff noch nicht in größeren Mengen verfügbar.

Bild: © luchschenF/Adobe Stock

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Von Matthias Stephan,
Senior Manager
PwC Deutschland

Die Energiewende hat unter den Vorzeichen des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine deutlich an Dynamik gewonnen. Weil die hiesige Gasversorgung im Zuge des geopolitischen Konfliktes immer unsicherer wird, rückt der Fokus zunehmend auf erneuerbare Energien.

Diese sollen in Zukunft die Versorgungssicherheit und Unabhängigkeit gegenüber Drittstaaten wie Russland sicherstellen. Zugleich erhöht der Gesetzgeber aber auch mit neuen Regularien den Druck auf die Wirtschaft, um eine nachhaltige Transformation im Sinne der Pariser Klimaziele sicherzustellen.

Konkurrenzfähige Preise sind möglich

Ein Energieträger, der aufgrund seiner vielseitigen Anwendungsgebiete auf beide Ziele einzahlt, ist grüner Wasserstoff. Einer PwC-Untersuchung zufolge wird die Nachfrage bis 2050 voraussichtlich auf bis zu 600 Megatonnen Wasserstoff pro Jahr steigen – ein Bedarf, der erstmal gedeckt werden muss.

Die gute Nachricht: Eine aktuelle Studie von MAN Energy Solutions und dem Fraunhofer IST zeigt, dass grüner Wasserstoff zu konkurrenzfähigen Preisen in Norddeutschland produziert werden kann. Das Problem: Auf EU-Ebene ist man sich noch gar nicht einig, ab wann grüner Wasserstoff überhaupt „grün“ genug ist.

Streitfrage: Stromherkunft

Um festzulegen, unter welchen Bedingungen grüner Wasserstoff erzeugt werden muss, hat die EU-Kommission im Mai 2022 den Entwurf eines delegierten Rechtsakts vorgelegt. Dieser muss nun finalisiert und dem Europäischen Parlament sowie Rat zur Prüfung vorgelegt werden. Kritiker bemängeln dabei vor allem die Pläne, ab 2026 nur noch Strom aus neu zu bauenden Windkraft- und Solaranlagen für die Produktion von grünem Wasserstoff zuzulassen (sog. Additionalität).

Die Stromerzeugungsanlagen dürfen demnach maximal drei Jahre vor Beginn der Wasserstoffherstellung in Betrieb genommen werden. Strom aus dem Netz dürften die Wasserstoffproduzenten dann nach der EU-Kommission nur unter strengen Voraussetzungen entnehmen.

Im Zuge der parallel stattfindenden Diskussion um die Novellierung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED III) hat das EU-Parlament nämlich Änderungen beschlossen, die weniger strenge Voraussetzungen für die Stromentnahme aus dem Netz vorsehen.

Demnach soll Elektrizität aus dem Netz auch dann als erneuerbar angerechnet werden können, wenn sie nachweislich die Eigenschaften von Energie aus erneuerbaren Quellen aufweist. Heißt: Die entnommenen Strommengen könnten auch dann als erneuerbar eingestuft und der produzierte Wasserstoff damit als „grün“ deklariert werden, wenn für die Strommengen Grünstromzertifikate vorliegen. Die EU-Kommission nimmt das zwar zur Kenntnis, hält aber weiterhin an ihren Plänen fest.

Hemmschuh im Wettlauf gegen die Zeit

Die Unstimmigkeiten zwischen EU-Parlament und EU-Kommission könnten zur Folge haben, dass sich das Gesetzgebungsverfahren weiter hinzieht und der Aufbau wichtiger Infrastrukturen für den Wasserstoffhochlauf ins Stocken gerät. Denn ohne das gebotene Maß an Rechtssicherheit wird es auch keine Investitionen in den erforderlichen Größenordnungen geben. So geht einmal mehr wertvolle Zeit verloren – Zeit, die wir mit Blick auf die ambitionierten Klimaziele längst nicht mehr haben.

Fazit

Um jetzt Tempo in den Aufbau der hiesigen Wasserstoffwirtschaft zu bringen, braucht es aber nicht nur eine schnelle Einigung auf politischer Ebene, sondern auch einen Abbau bürokratischer Hürden. Gerade bei der Definition der EU-Kommission ist jedoch das Gegenteil der Fall. In Anbetracht der aufwendigen Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen könnten die strengen Kriterien eine umfängliche Skalierung der Produktion in den nächsten Jahren erheblich ausbremsen.

Gefragt sind gerade in der Hochlaufphase pragmatische Lösungen, die den Wasserstoffhochlauf auch zeitnah beschleunigen und nicht erst in vielen Jahren die erforderlichen Skalierungseffekte bieten. Nur so können Klimaziele und Versorgungssicherheit gleichermaßen sichergestellt werden.

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