Von Ariane Mohl
In Hessen könnte ein regionaler Wasserstoffbackbone entstehen. Das Land soll über die geplanten Wasserstoff-Fernleitungen der Projekte "H2ercules" und "Flow" sowie über die "Werne-Eisenach-Leitung" an die überregionalen Transportrouten angebunden werden. Um den Wasserstoff weiter in die Fläche zu verteilen, bedarf es zusätzlicher Verteilnetze. Wie ein solches für die Region Nord- und Mittelhessen aussehen könnte, ist Thema einer Studie, die gemeinsam mit Gasnetzbetreibern erarbeitet wurde.
"Die vorliegende Studie zeigt auf, wie die Wasserstoffversorgung in Nord- und Mittelhessen über ein Verteilnetz sichergestellt werden kann. Wasserstoff ist ein bedeutender Baustein der Energiewende und ein Schlüssel für die Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft", erläutert Wirtschafts- und Energieminister Kaweh Mansoori in einer Mitteilung.
Wo drückt der Schuh?
Die Erkenntnisse der Studie sind auch für Stadtwerke außerhalb Hessens interessant. Die Analyse listet eine Vielzahl von Hürden und Hemmnissen auf, die den Aufbau einer regionalen Wasserstoffinfrastruktur ausbremsen. Demnach verzögern vor allem lange Genehmigungsprozesse den Ausbau der Wasserstoffinfrastruktur erheblich. Die Verteilnetzbetreiber fordern eine Anpassung der Verfahren an die beschleunigten Prozesse für LNG-Terminals. Eine koordinierte Abstimmung mit benachbarten Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen, Bayern und Niedersachsen sei essenziell, um eine lückenlose Infrastruktur zu gewährleisten.
Verteilnetzbetreiber benötigen zudem klare politische und regulatorische Rahmenbedingungen, um die Umstellung von Erdgasnetzen auf Wasserstoff effizient zu gestalten. Besonders herausfordernd sei die Vereinbarkeit von einem Anschluss- und Versorgungszwang mit den neuen Anforderungen der Wasserstoffinfrastruktur, heißt es dazu in der Studie. Hier sei eine enge Abstimmung mit der Politik erforderlich, um langfristige Planungssicherheit für alle Beteiligten zu schaffen. Zentral sei zudem, eine genaue Verifizierung der Wasserstoffbedarfe, um den regionalen Backbone passgenau planen und umsetzen zu können. Hier brauche es einen engen Schulterschluss mit den Ankerkunden.
Als wichtige Baustelle sehen die Stadtwerke die großen Unsicherheiten hinsichtlich der Wasserstoffpreise. Industrieunternehmen bräuchten Transparenz in Bezug auf die zu erwartenden Bezugskosten. Dies ermögliche Unternehmen überhaupt erst, langfristige strategische Entscheidungen zur Modernisierung von Produktionsanlagen und zur Standortwahl zu treffen.
Wasserstoff als Option für den Wärmemarkt
Ausführlich geht die Studie auf das Streitthema "Heizen mit Wasserstoff" ein. Der regionale Wasserstoffbackbone sei Voraussetzung für die Ausweisung von Wasserstoff-Ausbaugebieten in der kommunalen Wärmeplanung. Die kommunalen Wärmeplanungen sollten mit Bezug zu den Wasserstoffausbauplanungen synchronisiert werden. Die Versorger sehen dabei große regionale und strukturelle Unterschiede. "Die Vielfalt der Gebäude und der gewerblichen und industriellen Struktur und die lokalen Energieinfrastrukturen entscheiden, welche Technologien den kostenoptimalen Versorgungsmix bereitstellen können", heißt es in der Analyse wörtlich. Wasserstoff werde für die Wärmeversorgung benötigt, eine One-size-fits-all-Lösung für den Wärmemarkt existiere nicht. Eine koordinierte Planung sei erforderlich, um sicherzustellen, dass die Infrastruktur nachhaltig genutzt wird und bestehende Strukturen sinnvoll integriert werden.
Um die steigende Nachfrage zu decken, setzen sich die Stadtwerke für den Import und die überregionale Erzeugung von Wasserstoff ein. Sie fordern langfristige Zusagen von Fernleitungsnetzbetreibern, um die Versorgung sicherzustellen. Gleichzeitig müssen Investitionen in die Speicherung und Verteilung von Wasserstoff getätigt werden, um saisonale Schwankungen auszugleichen und eine kontinuierliche Verfügbarkeit sicherzustellen.
Finanzierung ungeklärt
Eine weitere zentrale Forderung betrifft die Finanzierung des Hochlaufs:Die Stadtwerke können die Kosten für den Ausbau der Wasserstoffinfrastruktur nicht allein tragen. Sie setzen sich für eine Finanzierung nach dem Vorbild des Wasserstoff-Kernnetzes ein, bei dem staatliche Förderungen und Netzentgelte die Finanzierung sichern. Eine staatliche Absicherung soll verhindern, dass hohe Anfangskosten den Wasserstoffhochlauf gefährden.
Durch eine Deckelung der Netzentgelte könnte der Markthochlauf unterstützt werden, so die Analyse. Ein Amortisationskonto soll demnach die Differenz zwischen hohen Investitionskosten und den zunächst geringen Netzentgelten ausgleichen. Spätere Nutzer, die von der ausgebauten Infrastruktur profitieren, tragen die Aufbaukosten langfristig mit. Zudem müssen aus Netzbetreibersicht Möglichkeiten geschaffen werden, um privatwirtschaftliche Investitionen zu fördern, etwa durch steuerliche Anreize oder langfristige Vertragsmodelle für Wasserstoffabnehmer.
Basierend auf erwarteten Bedarfen, regionalen Erzeugungspotenzialen, möglichen Importmengen und unter Einbeziehung der bestehenden Gasnetzinfrastruktur skizziert die Studie einen Leitungsstrang vom Lahntal bis in den Raum Kassel, ergänzt um lokale Stichleitungen zur Versorgung von gewerblichen Großverbrauchern. Die Kosten für diesen etwa 280 km langen, regionalen Wasserstoff-Backbone werden auf 245 bis 300 Millionen Euro geschätzt.
Der Verlauf enthält sowohl Neubauabschnitte als auch umgewidmete Gasleitungen. Eine Wasserstoffversorgung komplett über das bestehende Gasnetz ist zunächst nicht möglich, da weiterhin Kunden mit Erdgas über die aktuellen Netze versorgt werden müssen.
Die Machbarkeitsstudie zum "Aufbau eines regionalen Wasserstoff-Backbones in Nord- und Mittelhessen" wurde gemeinsam durch die Landesstelle Wasserstoff der LEA LandesEnergieAgentur Hessen und der Ernst & Young Real Estate im Auftrag des hessischen Wirtschaftsministeriums erstellt. Beteiligt waren 15 Gasverteilnetzbetreiber aus Nord- und Mittelhessen sowie vier Gasfernleitungsnetzbetreiber.



