Wasserstoffspeicher werden eine zentrale Rolle im zuküntigen Energiesystem einnehmen. Doch potenzielle Geldgeber zögern. Im ersten Teil des großen ZfK-Interviews erklärt Sebastian Heinermann, Chef des Speicherverbandes Ines, was Investoren abschreckt und was die Politik nun tun muss, um das Thema voranzubringen.
Herr Heinermann, welche Rolle spielen Wasserstoffspeicher für die Integration erneuerbarer Energien in das Energiesystem?
Wasserstoffspeicher spielen zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit in einem treibhausgasneutralen Energiesystem eine maßgebliche Rolle – sowohl im Wasserstoffmarkt als auch im Stromsektor. Im Kern entsteht der Bedarf an Speichern aus der Notwendigkeit heraus, dass eine volatile Wasserstoffproduktion durch Elektrolyseure auf Basis erneuerbarer Strommengen so strukturiert werden muss, dass Industriekunden bedarfsgerecht, das heißt kontinuierlich beziehungsweise gleichmäßig mit Wasserstoff beliefert werden können. Darüber hinaus gewährleisten Wasserstoffspeicher eine verlässliche und sichere Belieferung von Wasserstoffkraftwerken mit den erforderlichen Wasserstoffmengen. Das ist deshalb wichtig, weil Wasserstoffkraftwerke in Zeiten Strom produzieren, in denen die erneuerbare Stromeinspeisung und somit auch die Möglichkeit zur Wasserstoffproduktion über Elektrolyseure gering ist. Der von Wasserstoffkraftwerken verbrauchte Wasserstoff wird in weiten Teilen oder sogar vollständig aus Speichern bereitzustellen sein. Aufgrund der hohen Leistungsabnahme von Kraftwerken führt das zu einem erheblichen Bedarf an Wasserstoffspeichern.
Wo steht Deutschland bei dem Thema?
Die relevanten Studien weisen derzeit einen Bedarf an Wasserstoffspeicherkapazität zwischen 2 und 7 TWh für das Jahr 2030 aus. Bekannt ist, dass dem Bedarf nur zwei Wasserstoffspeicher-Projekte mit finaler Investitionsentscheidung gegenüberstehen. Beide Projekte zusammen stellen eine Speicherkapazität von 0,2 TWh bereit.
Angesichts der langen Entwicklungszeiten – die bei der Umwidmung eines Gasspeichers auf Wasserstoff auf sechseinhalb bis neuneinhalb Jahre geschätzt werden und bei Neubauprojekten sogar noch länger sind – reicht das einfach nicht. Die Entwicklung geht nicht schnell genug voran. Für Investitionen gibt es keine ausreichende Sicherheit, die finale Entscheidungen in dem erforderlichen Umfang zulässt.
Welche zentralen Erkenntnisse haben Sie aus der Marktabfrage MAHS gewonnen? Welche Schlüsse sollte die Politik daraus ziehen?
Gerade was den kurzfristigen Wasserstoffspeicher-Bedarf für die Jahre 2030 und 2035 anbelangt, verschaffen die MAHS-Ergebnisse den Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft mehr Sicherheit. Die MAHS liefert in dem kurzfristigen Zeithorizont mit anderen relevanten Szenarien (zum Beispiel mit der ÜNB/FNB-Marktabfrage und dem Kernnetz-Szenario) vergleichbare Einschätzungen zum notwendigen Arbeitsgasvolumen (AGV) der Wasserstoffspeicher. Die bisherigen Planungen lassen sich dementsprechend als robust bezeichnen. Politische und regulatorische Entscheidungen können darauf aufbauen.
Ein Vergleich der MAHS-Ergebnisse mit den Langfristszenarien des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) zeigt aber auch, dass der spätere Bedarf an Wasserstoffspeichern ab 2040 stark abhängig von der Stromeinspeisung erneuerbarer Energien ist. Im Gegensatz zu den Langfristszenarien werden in der MAHS weniger extreme Einspeiseprofile zur Stromproduktion aus erneuerbaren Energien betrachtet. Dies führt im Fall der Langfristszenarien dazu, dass der Bedarf im Vergleich zu den MAHS-Ergebnissen doppelt so hoch ist. Regulierungs- und Finanzierungskonzeptionen müssen das beachten. Sie müssen die Frage beantworten, wie die Wirtschaftlichkeit des Speicherbetriebs gesichert werden kann, wenn der Bedarf in mehreren Jahren mal nicht durch extreme Wettersituationen definiert ist, die aber trotzdem abgesichert sein müssen.
Warum schrecken Investoren derzeit vor Investitionen in Wasserstoffspeicher zurück?
Ganz offensichtlich sind die bisherigen Rahmenbedingungen unzureichend und/oder die Marktrisiken für die Umsetzung erforderlicher Investitionsvorhaben – noch – zu groß, um für die Energiewende notwendige Projekte zu fördern. Ausschlaggebend ist dabei vor allem die bestehende Unsicherheit über zukünftige Umsatzpotenziale, die Wasserstoffspeicher erwirtschaften können. Angesichts der geringen Reife des Wasserstoffmarktes und der damit verbundenen Risiken sind marktwirtschaftliche Kapitalgeber derzeit offenbar nicht bereit, in die Entwicklung von Wasserstoffspeichern im erforderlichen Umfang zu investieren.
Um zeitnahe beziehungsweise frühere Investitionen in Wasserstoffspeicher anzureizen und so die Entwicklung ausreichender Kapazitäten zur Umsetzung der Energiewende sicherzustellen, sind deshalb politische Maßnahmen zur Unterstützung des Marktes erforderlich. Entschließt sich die Politik zu einer solchen Unterstützung, wird es im Wesentlichen darauf ankommen, einen geeigneten Marktrahmen und entsprechende Finanzinstrumente zu schaffen, die Investitionssicherheit gewährleisten.
Darüber hinaus kann eine Verkürzung der Entwicklungszeiten durch Beschleunigung staatlicher Planungs- und Genehmigungsprozesse bei der fristgerechten Bereitstellung von Wasserstoffspeicherkapazitäten unterstützend wirken.
Das Interview führte Ariane Mohl



