Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Joachim Endress ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Ganexo, das sich auf Fragen des Gasmarkts spezialisiert hat.

Grafik/Bild: © ZfK/Ganexo

Flüssigerdgas und vor allem der mögliche Ausfall australischer Exportkapazitäten beschäftigten auch diese Woche den Gasmarkt. Der Mangel an globaler LNG-Flexibilität führt trotz voller europäischer Gasspeicher zu einer hohen Volatilität und asymmetrischen Aufwärtsentwicklung der Gaspreise für die Winterperiode.

Mit einem Arbeitskampf an den drei betroffenen LNG-Terminals droht der Ausfall einer Gesamtkapazität von 56 Milliarden Kubikmeter. Dies entspricht rund der Hälfte der LNG-Exportkapazität Australiens. Das Land gehört neben Katar und USA zu den weltweit drei größten LNG-Exporteuren.

Gestiegene Gaspreise für Winterperiode

Die australische LNG-Exportkapazität macht etwa elf Prozent des weltweiten LNG-Marktangebots aus. Die australischen Lieferungen gehen hauptsächlich nach Japan, China, Südkorea und Taiwan. In den nächsten 14 Tagen werden in den vier asiatischen Ländern 20 LNG-Lieferungen aus Australien erwartet.

Die asiatischen LNG-Preise notierten zuletzt für die Winterperiode bis zu umgerechnet fünf Euro pro MWh über den Preisen am niederländischen Pendant. Atlantisches LNG könnte damit zunehmend nach Asien abfließen, was die Preisrallye anheizt.

Blick auf Dezemberkontrakt

Als Reaktion darauf erhöhte sich am niederländischen TTF innerhalb der vergangenen Woche der Spread zwischen dem Frontmonat Sept-23 und dem Terminkontrakt Dez-23 um vier Euro pro MWh. Der sogenannte Contango zwischen beiden Kontrakten stieg damit auf rund 16 Euro pro MWh. Der Dez-23-Kontrakt lag bei zuletzt knapp 55 Euro pro MWh.

Der vergrößerte Contango verringert die Anreize, Gas auf Termin für die Wintermonate zu kaufen, beispielsweise schwimmendes LNG in den Wintermonaten zu transportieren oder Gas in ukrainische Gasspeicher zu leiten.

Norwegische Wartungssaison

Die zweite Phase der norwegischen Wartungen hat begonnen. In dieser Woche steigen die wartungsbedingten Ausfälle auf bis zu 50 Millionen Kubikmeter Erdgas. In den nächsten vier Wochen sollen die Ausfälle auf bis zu 174 Millionen Kubikmeter steigen.

Die norwegische Regierung hat den Weiterbetrieb des LNG-Terminals in Hammerfest unter Auflagen bis 2050 genehmigt. Von 2030 an muss die Anlage elektrisch betrieben werden. Die LNG-Exporte der Anlage machen rund fünf Prozent der norwegischen Gasexporte aus.

Steigende Temperaturen in Europa

Daneben könnte die Wetterentwicklung in den nächsten zwei Wochen für weitere bullishe Impulse am Gasmarkt führen.

 In der nächsten Woche soll es wärmer werden. In Deutschland sollen die Tagesmittelwerte auf bis zu 26 Grad Celsius steigen. Das sind sieben Grad über Norm. In Italien und Frankreich werden Tagesmittel von bis zu 30 beziehungsweise 28 Grad Celsius erwartet. Das sind sechs Grad über Norm.

Windstromproduktion dürfte sinken

Gleichermaßen wird mit rückläufigen Windprognosen erwartet, dass auch die Windstromprodution sinkt. In Deutschland wird ein Rückgang auf bis zu drei GW (Norm neun GW) erwartet, in den Niederlanden auf bis zu 500 MW (Norm drei GW).

In der vergangenen Woche war die Netzleistung der Gaskraftwerke in Europa mit insgesamt 24 GW auf den niedrigsten Stand seit Mai dieses Jahres gefallen. Die prognostizierten Wetterfaktoren könnten in der nächsten Woche die Netzleistung der europäischen Gaskraftwerke auf über 45 GW erhöhen und damit knapp verdoppeln.

Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des jüngsten Artikels: "Australien-Überraschung: Warum die Gaspreise derzeit so flatterhaft sind"

Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.

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