Die europäischen Gaspreise waren am Mittwoch auf den höchsten Stand seit zwei Monaten gestiegen. Grund war die Sorge vor einem möglichen Arbeitsstreik an den LNG-Anlagen der Chevron Corp. und der Woodside Energy Group Ltd. in Australien.
Die Handelsspanne für den Frontmonat könnte je nach Ausgang der Verhandlungen zwischen 25 und 50 Euro pro MWh liegen. Eine solch hohe Volatilität der europäischen Gaspreise als Reaktion auf dieses Ereignis wäre vor Beginn der Energiekrise noch undenkbar gewesen.
Australien wichtigster LNG-Lieferant für Asien
Ein Streik in den betroffenen australischen Anlagen würde rund zehn Prozent des gesamten LNG-Marktes betreffen und damit das Flüssigerdgasangebot auf dem Weltmarkt spürbar einschränken.
Australisches LNG spielt derzeit auf dem europäischen Markt keine bestimmende Rolle. Australien ist jedoch der mit Abstand dominierende Anbieter von Flüssigerdgas auf dem asiatischen Markt.
Globale Exposition des europäischen Gasmarktes
Die fünf größten asiatischen LNG-Importeure Japan, China, Südkorea, Taiwan und Indien führten bisher in diesem Jahr insgesamt 1810 LNG-Schiffslieferungen ein. 622 dieser Lieferungen – also rund 35 Prozent – stammten aus Australien.
Mit dem möglichen Ausbleiben australischer LNG-Lieferungen auf dem asiatischen Markt würde sich das globale Flüssigerdgasangebot verknappen.
36 Prozent LNG im europäischen Gasmix
Asiatische Käufer müssten stärker auf atlantisches LNG zurückgreifen, um etwaige Engpässe im Falle eines Streiks auszugleichen, was die Versorgungsgrundlagen in Europa verschärfen würde.
LNG macht im europäischen Gasversorgungsmix derzeit rund 36 Prozent aus. Heißt: Jegliche Veränderung der LNG-Angebotssituation wirkt sich direkt auf das europäische Gaspreisniveau aus.
Wartungen in Norwegen
Auch wenn Beginn und Dauer des möglichen Streiks bis Donnerstagmittag noch unklar waren, könnte die mögliche LNG-Angebotsverknappung mit der in Kürze beginnenden zweiten Wartungsperiode in Norwegen zusammenfallen. Dies stützte zusätzlich die Gaspreise.
Die Wartungen in Norwegen sollen am 20. August beginnen und bis Ende September dauern. Ende August und Anfang September soll die norwegische Gasexport-Kapazität um bis zu 174 Mio. Kubikmeter eingeschränkt sein.
Befüllung der Gasspeicher nicht gefährdet
Die Erfüllung der EU-Speicherziele zum 1. November sollte durch die Streiks und die Wartungen in Norwegen nicht gefährdet sein. Der "EU-Plan für Wiederbefüllung von Gasspeichern 2023" sieht ein Speicherziel zum 1. November 2023 von 90 Prozent vor. Die europäischen Gasspeicher sind aktuell zu 88 Prozent gefüllt. In Deutschland wurde jüngst ein Füllstand von 90 Prozent erreicht.
Viele Marktteilnehmer gingen zuletzt von einer deutlichen Übererfüllung der Speicherziele aus. Einige Prognoseszenarien sahen sogar die vollständige Befüllung (100 Prozent Füllstand) der europäischen Gasspeicher bis Mitte Oktober voraus. Ein Zusammenfallen der norwegischen Wartungsperiode mit möglichen Streiks in Australien könnte die weiteren Einspeicherungen deutlich reduzieren.
Gasmarktexperte Joachim Endress schreibt für die ZfK eine wöchentliche Kolumne. Thema des vorangegangenen Artikels: "Jahrestief: Warum die LNG-Importe nach Europa zuletzt rückläufig waren"
Info: Täglich aktualisierte Energiemarktdaten und -grafiken finden Sie hier im ZfK-Datenraum, der in Kooperation mit dem Berliner Datenspezialisten Energy Brainpool befüllt wird.



