Für Philipp Steinberg steht fest: „Wir sind nach wie vor in einer Krise.“ Bei der Gastagung des Handelsblatts gab der Abteilungsleiter Wirtschaftsstabilisierung, Energiesicherheit, Gas und Wasserstoffinfrastruktur tiefe Einblicke in die Bemühungen des Bundeswirtschaftministeriums, die Gasversorgung auf sichere Füße zu stellen. Man habe – Stichwort LNG-Terminals, volle Speicher, aber auch Effizienzsteigerungen – bereits viel erreicht, sagte Steinberg auf Nachfrage von Moderator Heiko Lohmann. Aber es gebe eben auch weiterhin Risiken, auf die die Politik sich vorbereiten müsse. „Wir ergreifen alle nötigen Maßnahmen, um uns resilient aufzustellen“, versicherte Steinberg. So stelle man sich etwa darauf ein, schlimmstenfalls andere osteuropäische Länder im Rahmen der Gas-SoS-Verordnung mitzuversorgen. In der Krise habe man gelernt, wie wichtig Resilienz und Diversifikation seien – Themen, die laut Steinberg auch den Bundeskanzler intensiv umtreiben.
Entsprechend wenig Verständnis bringt Steinberg dann auch für die Vorwürfe von Umweltverbänden auf. Diese kritisieren, dass die deutschen LNG-Ausbaupläne zu Überkapazitäten führen und die Klimaschutzziele gefährden. Es sei richtig, dass die Auslastung aktuell bei nur 40 Prozent liege. „Wir haben aber auch nie gesagt, dass wir die Dinger bis zum Anschlag auslasten wollen“, argumentierte Steinberg. Die Kritik etwa der Deutschen Umwelthilfe sei für ihn nicht nachvollziehbar. Es sei doch gut, wenn weniger Gas benötigt werde als gedacht. Es gehe nicht um maximale Auslastung, sondern um Resilienz. „Wir müssen als Bundesregierung sicherstellen, dass wir für alle Eventualitäten gerüstet sind.“ Da sei es „kein Beinbruch“, dass nicht alle Terminals ausgelastet seien.
Krise nicht verklären
Steinberg warnte zugleich davor, die Energiekrise rückblickend zu verklären. Deutschland sei besser durch die Krise gekommen als erwartet. Die Verunsicherung sei aber nach wie vor groß. Zudem gebe es eine hohe Preisvolatilität.
Bis „Ende des Jahres“ werde die Bundesregierung die mit Spannung erwartete Wasserstoff-Speicherstrategie vorlegen, kündigte Steinberg auf Nachfrage an. Im Zentrum werde die Frage nach der Förderung stehen. Im Topf seien aktuell Summen von 17 bis 100 Milliarden Euro, gab Steinberg Einblicke. Man prüfe gerade ein Amortisationskonto als Finanzierungsmodell.
Auf der Suche nach Vorhabenträgern
Im Interview ging Steinberg auch auf Probleme beim Wasserstoff-Hochlauf ein. Es sei richtig, dass es beim Kernnetz noch nicht für alle Projekte einen Vorhabenträger gebe. Einen solchen könne die Bundesnetzagentur aber notfalls verpflichten, so der Abteilungsleiter.
Dass Norwegen anders als geplant nun doch keinen blauen Wasserstoff nach Deutschland liefern werde, gebe durchaus Anlass zur Sorge. Schließlich habe man nun die Infrastruktur aufs Pferd gesetzt. Es sei aber auch nicht „das Ende der Geschichte“. Schließlich gebe es viele andere wichtige Projekte, die man gemeinsam mit den Norwegern umsetzen wolle.
Kernnetz bleibt herausfordernd
Das Kernnetz bleibe aber eine Mammutaufgabe. Man sei dabei, zu „de-risken“, was allerdings bei einem derart komplexen Projekt wie der Pipeline sehr herausfordernd sei.
Es sei nachvollziehbar, die Wirtschaftlichkeit bei Wasserstoff-Projekten zu bedenken. Was aber nicht funktionieren werde, sei eine Haltung, nach der einige Länder die Energiewende super finden, solange Deutschland dafür zahle. Die Förderung, die Deutschland in den Markt gebe, sei beachtlich. „Aber wir werden nicht ganz Europa die Risiken abnehmen können“, so Steinberg. (amo)



