Der Fernwärmeverband AGFW kritisiert die nach seiner Einschätzung mehrdeutigen Transparenzvorschriften im Paragraphen 1a der AVBFernwärmeV.

Der Fernwärmeverband AGFW kritisiert die nach seiner Einschätzung mehrdeutigen Transparenzvorschriften im Paragraphen 1a der AVBFernwärmeV.

Bild: © Marijan Murat/dpa

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) will für mehr Transparenz und Wettbewerb bei der Fernwärme sorgen – mit Maßnahmen, die tief in die Geschäftsmodelle und Strategien von Stadtwerken eingreifen. Auch in der Politik ist das Thema längst angekommen. Im zweiten Teil des großen ZfK-Interviews spricht Martina Butz, Chefin der Stadtwerke Hanau, über die Fernwärme-Transparenzplattform, das "Hanauer Modell" und mangelndes Vertrauen der Politik in die Versorger.

Der aktuelle Entwurf der Fernwärmeverordnung sieht nur noch "bei neu hergestellten Hausanschlüssen oder bei wesentlicher Erhöhung der vereinbarten Fernwärmeleistung" eine Vertragslaufzeit von zehn Jahren vor. In allen anderen Fällen sollen höchstens fünf Jahre Laufzeit gelten. Wie stehen Sie zu diesem Vorstoß des Gesetzgebers?

Das sehe ich kritisch. Die Idee hinter dieser Laufzeitverkürzung ist ja, dass der Kunde möglichst schnell zu einer für ihn günstigeren Wärmelösung wechseln kann. Dabei wird gerne übersehen, dass ja auch der Kunde von längeren Laufzeiten profitiert. Es gibt durchaus Kunden, die sich selbst Vertragslaufzeiten von mehr als zehn Jahren wünschen. Sie wollen eine langfristige, sichere Wärmeversorgung. Und dann gilt natürlich auch: Je länger die Laufzeit, desto länger lassen sich die Investitionskosten zeitlich strecken. Allerdings bieten wir zum Beispiel auch kürzere Laufzeiten und Kündigungsmöglichkeiten an, um dem Kunden zumindest die juristische Möglichkeit zu geben, sich von unseren Verträgen zu lösen. Es hängt aber immer vom Einzelfall im Netz ab.

Apropos Kunden: Wie groß ist denn eigentlich das Interesse der Hanauer an den Fernwärmepreisen "ihrer" Stadtwerke?

Es gibt einige, wenige Kunden, die im Detail verstehen wollen, wie sich der Preis zusammensetzt – meist sind das Lehrer oder Juristen (lacht). Selbstverständlich sind wir gerne bereit, alle offenen Fragen zu beantworten. Mit dem "Hanauer Modell" setzen wir ohnehin schon seit vielen Jahren auf größtmögliche Transparenz und Verständlichkeit. Unter anderem legen wir unsere Kosten bei der Fernwärme jährlich einem unabhängigen Wirtschaftsprüfer vor. Dieser attestiert uns, dass diese Kosten auch tatsächlich entstanden sind. Dieses Testat durch einen externen Experten schafft Vertrauen und reicht den meisten Kunden auch völlig aus. Ich halte unsere Herangehensweise auch deshalb für gut, weil sie von den Versorgern vergleichsweise einfach und kostengünstig umgesetzt werden kann.

Die Branche hatte ja die Hoffnung, den Forderungen der Verbraucherschützer mit der Preistransparenzplattform Fernwärme entgegenzukommen. Ist das nach hinten losgegangen? Die Rufe nach mehr Kontrolle werden eher lauter als leiser.

Ich halte die Plattform nach wie vor für eine gute Sache. Die Stadtwerke Hanau machen dort mit. Allerdings befürchte ich, dass Fernwärmekunden oder solche, die es werden wollen, von den teils doch sehr detaillierten Informationen dort erschlagen werden. Für den Laien wird vieles unverständlich bleiben und für neue Fragezeichen sorgen. Aber ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich finde es wichtig, dass möglichst viele Fernwärmeversorger dort mitmachen. Aber die Plattform alleine wird nicht für Vertrauen sorgen. Dass sich, wie bei uns in Hanau, ein externer Experte die Preisgestaltung anschaut und die Richtigkeit bescheinigt, halte ich für den überzeugenderen Ansatz. Aber meiner Meinung nach ist die Plattform aus einem ganz anderen Grund interessant.

Welcher ist das?

Wenn man die Tabelle filtert, sieht man, dass die günstigen Versorger die sind, die nach wie vor auf fossile Brennstoffe wie Öl, Kohle oder eben Erdgas setzen. Anders gesagt: Die Plattform zeigt auch, wie teuer die Energiewende wird. Wollen wir die Fernwärme vergrünen – sei es durch die Nutzung von Abwärme von Rechenzentren oder durch den Einsatz von Wärmepumpen – führt das unweigerlich zu höheren Preisen. Und dagegen kann auch die beste Preisaufsichtsbehörde nichts ausrichten. Es sei denn, die Politik geht bei der Novelle der Fernwärmeverordnung so weit, dass sie mit Preis-Caps tief in die Preisbildung der Stadtwerke eingreift. Aber dann wäre der Fernwärmeausbau tot.

Wie zufrieden sind Sie mit der Fernwärmeförderung?

Da sehe ich großen Handlungsbedarf. Man kann sich schon die Frage stellen, ob eine Doppelförderung von Wärmepumpen und dem Bau von Wärmenetzen in einem Gebiet wirtschaftlich sinnvoll ist. Jeder Haushalt, der sich für eine Wärmepumpe entschieden hat, fällt für uns Versorger als Fernwärmekunde weg. Der Fernwärmeausbau, der ja von der Politik ausdrücklich gewünscht ist, wird so schnell unwirtschaftlich für die Versorger.

Was erwarten Sie von der Politik?

Sie sollte klarer kommunizieren, dass die Energiewende nicht zum Nulltarif zu haben ist. Dass sie das bislang versäumt hat, müssen nun die Versorger ein Stück weit ausbaden. Wir Stadtwerke wollen weg von den Fossilen, aber man muss uns auch die Zeit für diese schwierige Aufgabe und die notwendige Rückendeckung geben. Wir brauchen mehr Planungssicherheit und einen guten regulatorischen Rahmen, der die Interessen der Kunden und die der Versorger unter einen Hut bringt.

Generell sollte uns die Politik mehr Vertrauen entgegenbringen. Wir haben mit der Fernwärme ein gutes Produkt. Der Markt würde vieles von selbst regeln, wenn die Politik uns einfach mal machen lassen würde. 

Das Interview führten Hans-Peter Hoeren und Ariane Mohl

Was Stadtwerkechefin Martina Butz von einer zusätzlichen Fernwärmepreisaufsicht hält und wie aus ihrer Sicht mehr Vertrauen geschaffen werden kann, lesen Sie hier im ersten Interviewteil.

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