Die "Wärmebox" ist das Herzstück der Zusammenarbeit.

Die "Wärmebox" ist das Herzstück der Zusammenarbeit.

Bild: © FördeWärme

Von Andreas Lorenz-Meyer

Auf die Stadtwerke Kiel kommt einiges zu. Der Investitionsbedarf für die Wärmewende an der Förde beträgt 500 Millionen Euro bis 2035. Finanziell kann der Energieversorger das zwar allein stemmen, "jedoch fehlen uns technische Ressourcen im Bereich der Nahwärme", stellt Stefan Meyer fest. Er ist Bereichsleiter Vertrieb – und jetzt auch einer der beiden Geschäftsführer der neu gegründeten Projektgesellschaft "FördeWärme".

Mit dem Partner, der Hansewerk-Tochter Hansewerk Natur, soll die Ressourcenlücke geschlossen werden. Die Quickborner betreiben über 120 Nah- und Fernwärmenetze in Norddeutschland mit einer Länge von rund 870 Kilometern. Ziel der seit Juni operativ tätigen Gesellschaft: Dekarbonisierung von Nahwärmenetzen bis 2035. Dafür werden in Kiel und Umland neue Netze gebaut und die von den Stadtwerken übernommenen Bestandsnetze umgerüstet, sofern sie sich dafür eignen.

Meyer verantwortet die kaufmännischen Prozesse. Der Diplom-Kaufmann ist seit 30 Jahren in der Energiewirtschaft tätig. Bis Ende 2024 leitete er den Bereich Finanzen der Stadtwerke und war Geschäftsführer der Stadtwerke Kiel Speicher GmbH, weswegen er sich mit Aufbau und Führung einer Gesellschaft auskennt.

Wobken Zweiter im Bunde

Der andere Teil der Doppelspitze ist Simon Wobken. Bei Hansewerk Natur leitet er die Entwicklung neuer Wärmenetze. In der neuen Gesellschaft hat er denselben Aufgabenbereich, zusätzlich steuert er den Umbau bestehender Netze. Als Kieler kennt Wobken die Stadt und auch die handelnden Akteure und Abläufe bei den Stadtwerken.

Er hat den Bachelor of Engineering im Fachbereich Maschinenbau und den Master of Science in Green Energy. Vor dem Wechsel zu Hansewerk Natur entwickelte er bei einer Unternehmensberatung Versorgungs- und Finanzierungskonzepte für Kommunen und Energieversorger, die von fossil auf erneuerbar umstellen.

Intelligente Steuerung im Container

Neben viel Erfahrung bei Nahwärmenetzplanung und Betriebsführung bringen die Quickborner rund um Wobken auch gleich die technische Lösung in die Gesellschaft ein: ihre selbst entwickelte "Wärmebox". Ein in einem Container untergebrachtes Großwärmepumpensystem, das je nach Energiepotenzialen vor Ort unterschiedliche Wärmequellen nutzt: Umgebungswärme aus Erde, Luft, Abwasser oder Industrieabwärme. Im nordfriesischen Langenhorn wird derzeit die erste Box auf einem Sportplatz neben der bisher erdgasbasierten Energiezentrale installiert.

Doch was bringt sie für die Kieler Nahwärmewende? Beim bestehenden Zeitdruck sei eine effiziente Planung und schnelle Abwicklung unabdingbar, und dafür brauche es standardisierte, skalierbare Lösungen, so Wobken. "Unsere Wärmebox ist eine solche." Drei Vorteile seien zu nennen. Erstens die kaufmännischen: Da Hansewerk Natur viele Projekte zeitgleich angehe, lasse sich die Beschaffung für mehrere Wärmeboxen bündeln. "Wir kaufen so zu günstigeren Preisen ein und reichen die Kostenvorteile an Kunden weiter."

Zweitens: Zwar hänge die tatsächliche Effizienz von den Temperaturen der Wärmequelle und den vorherrschenden Temperaturen im Wärmenetz ab, jedoch besitze die Box neben der Komponentensteuerung eine zentrale intelligente Steuerung, über die sie mit "übergeordneten Systemen" kommuniziere.

Sie erhalte Wetter- und Bedarfsprognosen, Informationen zu Strommarktpreisen und der Verfügbarkeit von erneuerbaren Energien vor Ort sowie vom Wärmespeicher, der zur Anlage gehört. So sei sichergestellt, dass die Pumpe stets am Effizienzoptimum betrieben wird. Drittens: Die Box könne modular erweitert werden. Es gibt vier Leistungsklassen: 600 kW, 900 kW, 1200 kW und 1800 kW. 

Die Analyse läuft

Die Box wird nicht unbedingt bei allen Projekten eingesetzt werden. "Der Wärmebedarf vor Ort muss zu den Leistungsklassen passen. Für kleine Netze mit unter 50 Anschlüssen kann sie zu groß dimensioniert und damit zu teuer sein." Zudem muss die Großwärmepumpe aus dem Netz mit Strom versorgt werden können, und es braucht aus Schallschutzgründen 60 bis 80 Meter Abstand zu Wohngebieten.

Derzeit analysiert die Gesellschaft die zwölf übernommenen Netze, unter anderem in Schilksee und Kronshagen. Ist die Umrüstung dort "wirtschaftlich darstellbar" und die Wärme am Ende für die Verbraucher auch bezahlbar, startet die Bestandsdekarbonisierung – allerdings erst zum Ende des Jahrzehnts.

Und neue Netze? Die Nahwärmegesellschaft hat Quartiere in Schilksee, Friedrichsort und Elmschenhagen im Blick. Diese sind im Kieler Wärmeplan als "Potenzialgebiete" ausgewiesen, weil sie eine hohe Wärmeliniendichte aufweisen, also einen hohen Wärmebedarf pro Meter gebauter Netzleitung.

Flächen für eine dezentrale Erzeugungsanlage sind dort auch verfügbar. Zu einigen "relevanten Wärmeverbrauchern" mit großem Bedarf wurde bereits Kontakt aufgenommen. Machen diese mit, vergrößern sich die Chancen für ein Nahwärmenetz vor Ort erheblich, so Wobken. "Wir befinden uns aktuell im Interessensbekundungsverfahren und können daher nicht konkreter darauf eingehen."

Mischung aus Fremd- und Eigenkapital

Auch Zahlen zu den Kosten werden nicht genannt. "Dafür ist es nach wenigen Wochen operativer Tätigkeit zu früh", so Stefan Meyer. Die Investitionskosten pro Projekt hängen auch davon ab, wie viele Eigentümer sich jeweils für den Wärmenetzanschluss entscheiden. Um "verträgliche Wärmepreise" anbieten zu können, sei man in jedem Fall auf BEW-Fördermittel angewiesen. Hinzu kommen die Anschlusskostenbeiträge und eine Mischung aus Eigen- und Fremdkapital zur Finanzierung.

Die Gesellschaft sei mit dem "für die Übernahme der bereits bestehenden Nahwärmenetze notwendigen Kapital" ausgestattet worden, zusätzlich hätten die Gesellschafter Mittel in die Kapitalrücklage eingezahlt. Wie hoch diese sind, unterliege der Verschwiegenheit. Falls für die Finanzierung neuer Nahwärmenetze oder die Dekarbonisierung bestehender Netze zusätzlich Eigenkapital benötigt wird, erfolge eine zusätzliche Einlage durch die Gesellschafter.

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