Bild: © Ingo Bartussek/AdobeStock

Von Julian Korb

Die Stromerzeugung aus Wind- und Solaranlagen schwankt bekanntlich. In der Folge kommt es in sonnenreichen Zeiten immer häufig zu Stromüberschüssen sowie zu hohen Preisspitzen, wenn Windflaute herrscht. Deshalb sollen Stromverbraucher sich künftig deutlich stärker und flexibler als bisher an der Verfügbarkeit von erneuerbarem Strom orientieren.

Als Anreiz gelten hier dynamische Tarife, die ein solches Verhalten finanziell belohnen. Doch eine Studie des Westfälischen Energieinstituts in Gelsenkirchen weckt nun Zweifel, ob die gewünschte Wirkung auch eintritt. So hat eine Simulation für das Jahr 2024 ergeben, dass die Stromversorgung auch bei vollständigem Einsatz dynamischer Tarife nicht nennenswert günstiger gewesen wäre.

Fehlende Speicher bergen Risiko

Zwei andere Faktoren sind laut dem Studienautor Markus J. Löffler dagegen entscheidend: ausreichende Speicherkapazitäten und der Ausbau der Stromnetze. Die Studie prognostiziert einen kurzfristigen Speicherbedarf zwischen rund 200 und 800 Gigawattstunden (GWh). Zum Vergleich: Aktuell sind in Deutschland Batteriespeicher mit rund 22 GWh an Kapazität installiert. Hinzu kommen noch einmal Pumpspeicher mit etwa 37 GWh, wie aus Daten der Bundesnetzagentur hervorgeht.

Ohne zusätzliche Kurzzeitspeicher oder Batteriesysteme führten dynamische Tarife demnach zu "erheblichen Verwerfungen im Tagesablauf der Verbraucherinnen und Verbraucher". Zeitliche Verschiebungen im Verbrauch könnten den Alltag "erheblich beeinträchtigen".

Das liegt unter anderem daran, dass die Nutzungszeiten vieler Haushaltsgeräte oder industrieller Prozesse nur schwer zu ändern sind. Ein reines Preissignal reiche daher nicht aus, um den Verbrauch in nennenswertem Umfang flexibel zu gestalten, argumentiert Löffler.

Mehr Aufwand durch dynamische Tarife

Hinzu kommt, dass für die Verbreitung von dynamischen Tarifen ein zusätzlicher Aufwand nötig ist, vor allem durch intelligente Messsysteme und Smart-Grids. Die Stromersparnisse durch einen flexibleren Verbrauch würde dabei von diesen zusätzlichen Investitionen "zumindest neutralisiert", heißt es.

Auch würden durch dynamische Tarife kaum sogenannte Back-up-Kraftwerke, die in Zeiten von wenig Wind und Sonne laufen, eingespart. Zwar geht die Studie von einem rund 25 Prozent geringeren Bedarf an steuerbaren Kraftwerken aus. Das setzt laut Löffler allerdings voraus, dass die Stromkunden es akzeptieren, wenn sie ihren Stromverbrauch um 96 Stunden verschieben müssen. So lange dürften Dunkelflauten im Schnitt andauern.

Zuletzt hat der Studienautor berechnet, dass dynamische Tarife das Stromnetz sogar stärker belasten als entlasten könnten. Das liegt an dem berechneten maximalen Zuschalt-Potenzial beim Stromverbrauch von 83 Gigawattstunden pro Stunde. "Aus systemischer Sicht lassen sich keine wesentlichen Vorteile dynamischer Stromtarife feststellen, sofern diese unter den Stromverbrauchsbedingungen des Jahres 2024 deutschlandweit gewirkt hätten", heißt es in der Studie deshalb.

Chancen in der Akzeptanz

Trotz dieser Einschränkungen sieht Löffler Chancen in neuen Produkten rund um dynamische Tarife sowie in deren psychologischer Wirkung auf Verbraucherinnen und Verbraucher – sie könnten das Bewusstsein für die Energiewende schärfen und zur Akzeptanz beitragen.

"Die Flexibilisierung des Strommarktes über dynamische Preismechanismen ist grundsätzlich eine Form der Energierationierung, die strukturelle Probleme im Energiesektor sichtbar offenlegt – als alleiniges Instrument sind flexible Tarife kein 'Game-Changer'." Vielmehr bedürfe es ergänzender technischer Lösungen, um den Paradigmenwechsel wirklich zu ermöglichen.

Hier geht's zur Studie

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