"Energieversorger müssen bei volatilen Märkten stärker mit den Unternehmen zusammenarbeiten. Denn diese Volatilität schlägt sich natürlich auch auf die Beschaffungsstrategie der Versorger nieder", sagt Maximilian Dekorsy, Mitbegründer von Ecoplanet.

"Energieversorger müssen bei volatilen Märkten stärker mit den Unternehmen zusammenarbeiten. Denn diese Volatilität schlägt sich natürlich auch auf die Beschaffungsstrategie der Versorger nieder", sagt Maximilian Dekorsy, Mitbegründer von Ecoplanet.

Bild: © ecoplanet

Herr Dekorsy, Sie sagen, es wird kein Weg an der Netzentgelt-Revolution vorbeiführen und dass Unternehmen, die es jetzt schaffen, innovativ und intelligent zu arbeiten, finanziell von der Netzentgelt-Reform der Bundesnetzagentur profitieren werden. Was hat das für Auswirkungen für Energieversorger?
Maximilian Dekorsy, Mitgründer von Ecoplanet: Wenn wir aktuell auf den Energiemarkt blicken, sehen wir zwei Marktteilnehmer, die sehr stark ins Zentrum gerückt sind. Zum einen die Unternehmen, die sich vor allem in den vergangenen drei Jahren überlegen müssen, wie sie mit dem stark wandelnden Energiemarkt umgehen. Zum anderen die Energieversorger, die mit den neuen Ansprüchen der Unternehmen umgehen müssen. Zugleich müssen sich letztere anders aufstellen, um die Flexibilität im Energiemarkt abzubilden.

Vergleichen wir die Marktvolatilität von heute mit der Energiepreisvolatilität von vor vier bis fünf Jahren, dann ist diese untertags um das Sechsfache gestiegen. Warum? Weil Unternehmen inzwischen flexible Tarife nutzen, die sich auf den Spotmarkt beziehen. Unternehmen bemühen sich daher viel stärker, Energie zu verbrauchen, wenn die Preise günstig sind. Das ist inzwischen ein sehr starker Kostenhebel geworden. Deswegen müssen Versorger auch zunehmend flexible Tarife anbieten.

Gleichzeitig müssen Versorger bei so volatilen Märkten stärker mit den Unternehmen zusammenarbeiten. Denn diese Volatilität schlägt sich natürlich auch auf die Beschaffungsstrategie der Versorger nieder. Diese Entwicklung ist auch eng mit einem veränderten Strommix verbunden: In den letzten zehn Jahren ist der Anteil der erneuerbaren Energien in Deutschland von 26 % auf 56 % gestiegen. Das bedeutet auch, dass es zu bestimmten Zeiten des Tages schlicht mehr Strom durch beispielsweise Solarenergie gibt – mehr Angebot bedeutet in diesem Fall geringere Preise, und umgekehrt.

Könnten Sie das genauer erläutern?
Wir hatten im Juli zum Beispiel an der Hälfte der Tage negative Strompreise am Markt. Nicht über den ganzen Tag hinweg, sondern nur über kurze Zeiträume. Der Ausbau der erneuerbaren Energien hat dazu geführt, dass gerade in den Sommermonaten solche negativen Preise vorkommen können.

Unternehmen tendieren oftmals zu einer Mischung aus einem Terminmarktmodell und dem Spotmarkt. Beim Terminmarkt beschaffen sie etwa 60 bis 80 Prozent ihres gesamten Strombedarfs im Voraus zu festen Preisen, um Preissicherheit zu haben. Der Rest wird flexibel über den Spotmarkt bezogen, auf dem es kontinuierlich Marktbewegungen gibt, sodass Unternehmen auf Preisschwankungen reagieren können. Der Terminmarkt bietet Preissicherheit, während der Spotmarkt es ermöglicht, auf aktuelle Preisentwicklungen zu reagieren und bei günstigen Marktbedingungen Energie einzukaufen.

Jetzt denken Unternehmen zum ersten Mal in Quartalslogiken. Das bedeutet, sie richten ihre Prozesse strategisch an den Energiekosten aus. Wenn sie wissen, dass es in den Sommermonaten vermehrt zu negativen Preisen kommt, passt sich die individuelle Beschaffungsstrategie an: Im Sommer wird vermehrt flexibel am Spotmarkt eingekauft, während im Winter eine höhere Abdeckung über den Terminmarkt erfolgt. Unternehmen müssen also in Fixierungslogiken (Terminmarkt) und Spotmarkt-Logiken denken, um die günstigsten Preise zu sichern.

Was heißt das für Energieversorger?
Für Versorger bedeutet dies, dass es viel komplexer wird, mit den Kundenbedürfnissen umzugehen und deren Verbrauch vorauszusehen. Zudem schließen viele Unternehmen nur noch Einjahresverträge ab und schauen, bei welchem Versorger sie den besten Preis bekommen. Der Markt ist inzwischen sehr preiskompetitiv geworden und das Risiko für die Versorger bei der Beschaffung ist gestiegen.

Inwiefern unterstützt hier Ihr Unternehmen?
Mit unseren Kunden strukturieren wir die Lieferverträge und legen gemeinsam die Beschaffungsstrategie fest. Unsere Software unterstützt diesen Prozess und erleichtert auch den Versorgern die Arbeit, weil sie genau wissen, was auf sie zukommt. Unsere Kunden profitieren oft von geringeren Kosten, da der Aufwand für die Versorger sinkt – wir übernehmen quasi die Kundenbetreuung über unsere Software.

Wie läuft das genau ab?
Unsere Kunden sagen im besten Fall: "Wir möchten jetzt schon über die Beschaffung für 2026 sprechen." In diesem Fall besprechen wir mit ihnen, welcher Lastgang in dieser Zeit zu erwarten ist. Mithilfe unserer Forecast-Modelle und dem prognostizierten Lastgang für 2026 erstellen wir anschließend die Beschaffungsstrategie und melden diese an den Versorger.

Die Forecast-Modelle sind hierbei besonders wichtig, da viele Versorger ihre zukünftigen Tarife noch immer auf Basis vergangener Lastgänge bewerten. In Zeiten großer Veränderungen und der zunehmenden Flexibilisierung des Energieverbrauchs gleicht dies jedoch einem Blick in den Rückspiegel, während man nach vorne fährt – es besteht ein hohes Risiko, dass die tatsächlichen Bedingungen und Anforderungen nicht ausreichend vorhergesehen werden. Unsere Modelle hingegen berücksichtigen die voraussichtlichen Veränderungen des Verbrauchsverhaltens und bieten damit eine präzisere Grundlage, um die Beschaffungsstrategie optimal abzustimmen. Das Ziel ist natürlich, die Mehrkosten für unsere Kunden möglichst gering zu halten.

Das Verbrauchsverhalten, vor allem bei Industrieunternehmen, wird sich dadurch stark verändern, da Unternehmen bewusster über ihren Energieverbrauch nachdenken. Für Versorger bedeutet dies eine veränderte Art der Versorgung ihrer Kunden.

Jetzt kommen dann noch die dynamischen Netzentgelte dazu.
Grundsätzlich machen die Netzentgelte heute etwa 20 Prozent der Energiekosten von Unternehmen aus. Der Preis pro Kilowattstunde ist aktuell klar definiert – es spielt keine Rolle, wann der Strom verbraucht wird. Ab 2026 wird jedoch entscheidend sein, wann Lastspitzen entstehen. Für Unternehmen, die Kosten sparen wollen, ist es daher wichtig, keinen oder nur wenig Strom zu den Tageszeiten zu verbrauchen, in denen Lastspitzen auftreten. Mittags ist zum Beispiel der Anteil an erneuerbaren Energien gewöhnlich sehr hoch, und auch die CO₂-Emissionen sind in dieser Zeit deutlich geringer. Es ist daher am klügsten, hohe Stromverbräuche in diese Zeitfenster zu verlegen.

Was bedeuten die dynamischen Tarife für Stadtwerke?
Hier treten mannigfaltige Probleme auf: Die Stadtwerke übernehmen die Abrechnung der Netzentgelte. Mit veralteten IT- und Abrechnungssystemen lässt sich dies jedoch nicht bewerkstelligen. Das bedeutet, dass die Systeme jetzt umfassend aktualisiert werden müssen, um mit den dynamischen Netzentgelten umgehen zu können.

Ein weiterer Punkt ist, dass die Stadtwerke infolge dieser Digitalisierung ihre Kunden mit intelligenten Messsystemen ausstatten müssen, um ein besseres Verständnis darüber zu erlangen, wann Lastspitzen entstehen. Zudem müssen die Tarife angepasst und den Kunden transparent kommuniziert werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Auf vielen Ebenen stehen also große Herausforderungen bevor.

Und wie lassen sich diese lösen?
Ich bin der Meinung, dass sich Energieversorger künftig stark auf eine hohe Flexibilität in der Tarifstruktur einlassen müssen. Wenn der Verbrauch und die Tarife flexibler werden, müssen die Stadtwerke sicherstellen, dass ihre gesamte IT-Administrations-Infrastruktur in der Lage ist, diese Veränderungen abzubilden.

Darüber hinaus benötigen Stadtwerke mehr Datenhoheit sowie mehr Informationen und Unterstützung, um diese Anpassungen umsetzen zu können, da viele noch nicht ausreichend vorbereitet sind. Aus diesem Grund wollen wir in Zukunft noch stärker auf die Energieversorger zugehen, um eine engere Zusammenarbeit zu fördern.

Die Fragen stellte Stephanie Gust
 

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