Von Julian Korb
Das Energiewende-Monitoring von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) steht noch aus, die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) hat nun mit einer Studie vorgelegt. Und die hat es in sich: Sollte die aktuelle Energiepolitik fortgeführt werden, müssten die jährlichen privaten Investitionen kräftig zulegen – und zwar von aktuell noch rund 82 Milliarden Euro auf 113 bis 316 Milliarden Euro im Jahr 2035. Das hat die Wirtschaftsberatungsgesellschaft Frontier Economics im Auftrag der DIHK berechnet.
"Mit der aktuellen Politik ist die Energiewende nicht zu stemmen", sagt DIHK-Präsident Peter Adrian. Die Belastung von Unternehmen und Bevölkerung erreiche ein Niveau, das den Wirtschaftsstandort, den Wohlstand und damit auch die Akzeptanz der Energiewende gefährde. Zum Vergleich: Die gesamten privaten Investitionen in Deutschland betrugen im Jahr 2024 insgesamt rund 770 Milliarden Euro. Zur Umsetzung der Energiewende müssten sie, wie die Berechnungen aus der Studie zeigen, daher zwischen 15 und 41 Prozent steigen.
Energieimporte und Netze treiben die Kosten
Durch die Energiewende werden demnach auch die Energiesystemkosten in den nächsten Jahren stark zunehmen. Dazu zählen neben Investitionen in die inländische Energieerzeugung und Infrastrukturen auch die laufenden Kosten zum Beispiel für den Betrieb von Netzen und Kraftwerken sowie Ausgaben für Energieimporte.
Insgesamt schätzt die Studie diese Kosten auf 4,8 bis 5,5 Billionen Euro für den Zeitraum 2025 bis 2049. Davon entfallen 2,0 bis 2,3 Billionen Euro auf Energieimporte, 1,2 Billionen Euro auf Netzkosten (Investitionen und Betriebskosten), 1,1 bis 1,5 Billionen Euro auf Investitionen in die Energieerzeugung und rund 500 Milliarden Euro auf den Betrieb von Erzeugungsanlagen.
"Ein zu hoher Transformationsdruck in Form unrealistischer Vorgaben führt zu extrem hohen und weiter steigenden Kosten, Fehlallokationen und Ineffizienzen", so Adrian. Die deutsche Wirtschaft ziehe bereits Konsequenzen. Energieintensive Unternehmen würden ihre Produktion verstärkt ins Ausland verlagern.
"Wenn wir den aktuellen Weg der Energiepolitik unter diesen Vorgaben weitergehen, gefährden wir nicht nur den Wirtschaftsstandort Deutschland, sondern erweisen auch dem notwendigen Ziel der Klimaneutralität einen Bärendienst", so der Verbandschef weiter. Es brauche dringend ein Umdenken in der Energiepolitik, um die Belastungen durch die Energiewende in Deutschland zu verringern.
Angepasste Klimaziele und günstigere Gaskraftwerke
Die Studie von Frontier Economics macht konkrete Vorschläge, wie ein solcher Kurswechsel in der Energiepolitik aussehen könnte. Entscheidender Hebel soll ein umfassender CO₂-Zertifikatehandel werden. Dieser soll regelmäßig an die Entwicklung einer "internationalen Peer Group", also einer vergleichbaren Gruppe von Ländern, angepasst werden. So soll verhindert werden, dass Deutschland durch einen nationalen Alleingang beim Klimaschutz Nachteile entstehen.
Zudem sieht das als "Plan B" bezeichnete Konzept vor, die Regulierung umfassend zu entschlacken, den Technologiewettbewerb zu verstärken sowie die vorhandene Energieinfrastruktur weiterhin zu nutzen. Das gilt insbesondere für Gasnetze, die künftig Wasserstoff und klimaneutrales Erdgas, dekarbonisiert durch die Abscheidung und Speicherung von CO₂, transportieren können. Ergänzend dazu sollen Investitionen in zertifizierte Klimaschutzprojekte im Ausland auch in Deutschland anrechenbar sein.
Mit dieser Studie ließen sich laut Studie 530 bis 910 Milliarden Euro bis 2050 einsparen. Weitere Kosteneinsparungen von 80 bis 220 Milliarden Euro wären demnach durch eine Verschiebung des Ziels der Klimaneutralität um zwei Jahre zu erzielen. Zusätzliche Einsparungen entstünden zudem durch internationale Kooperation und die Nutzung kostengünstiger Klimaschutzmaßnahmen im Ausland, heißt es weiter. Insgesamt ergebe sich so ein Kostensenkungspotenzial von über einer Billion Euro bis 2050.
Aus Sicht des DIHK gibt es darüber hinaus auch kurzfristig Möglichkeiten, die Kosten zu senken. Dazu gehört eine übergreifende Netzplanung, ein Auslaufen der Erneuerbaren-Förderung für bereits wirtschaftliche Anlagen und ein effizienterer Energiemix, der auch den Einsatz von Biomethan, blauem Wasserstoff oder dekarbonisiertem Erdgas technologieoffen berücksichtigt. Zudem sei es besser, den Bau neuer Gaskraftwerke nicht über eine staatliche Förderung, sondern über marktwirtschaftliche Anreize zu steuern – wie einer Absicherungspflicht für Stromversorger.
Neustart der Energiewende
Auch Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU) strebt einen Neustart in der Energiewende an – also dem schrittweisen Abschied von fossilen Energien wie Gas, Kohle und Öl. Mit Spannung werden Ergebnisse eines Monitorings im Auftrag des Ministeriums zur Energiewende erwartet. Reiche hatte bereits deutlich gemacht, die Kosten müssten runter. Umstritten sind zum Beispiel ihre Aussagen, die staatliche Förderung für neue, kleine Solaranlagen solle gestrichen werden.
Es sei sehr gut, dass Reiche sehr klar signalisiere, dass sie die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit als Grundpfeiler der Energiepolitik in den Mittelpunkt stellen wolle, sagte Achim Dercks, stellvertretender DIHK-Hauptgeschäftsführer.
Andere Branchenverbände äußerten sich ebenfalls zu der Studie. "Die Zahl von 1,2 Billionen Euro für den Netzausbau zeigt, wie groß die Herausforderung in diesem entscheidenden Bereich der Energiewende ist und dass wir jetzt handeln müssen", sagt Adrian Willig, Direktor des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Die bisherigen Planungen müssten auch hinsichtlich der Kosteneffizienz noch einmal gründlich überprüft werden.
"Ohne Korrekturen ist die Energiewende ansonsten gefährdet, schon allein, weil durch die Kosten die Skepsis bei Unternehmen ebenso wie Bürgerinnen und Bürgern wächst", so Willig weiter. Entscheidend sei, dass Netze, Erzeugung und Speicher synchron wachsen würden. (Mit Material der Deutschen Presse-Agentur)



