Schafft Wirtschaftsministerin Katherina Reiche die Solarförderung ab? In der Energiebranche wird über Sinn und Unsinn der Maßnahme hitzig diskutiert.

Schafft Wirtschaftsministerin Katherina Reiche die Solarförderung ab? In der Energiebranche wird über Sinn und Unsinn der Maßnahme hitzig diskutiert.

Bild: © Soeren Stache/dpa (links) und Andreas Arnold/dpa (rechts)

Von Julian Korb

Nach dem Vorstoß von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die Solarförderung für private Photovoltaik (PV)-Anlagen zu stoppen, melden sich immer mehr Unternehmen aus der Energiebranche zu Wort. Während Reiche von den Platzhirschen RWE und Eon Rückendeckung erhält, schlägt ihr aus der Solarbranche heftiger Gegenwind entgegen. Der Vorwurf: Die Ministerin gefährdet den Solarausbau.

"Die Debatte um die Einspeisevergütung führt dazu, dass Kunden verunsichert werden, vor allem, wenn keine Alternativen da sind", sagte Peter Knuth, Mitbegründer und Geschäftsführer des Solaranbieters Enerix im ZfK-Gespräch. "Zeitgleich mit der Abschaffung der Einspeisevergütung müssten neue Möglichkeiten wie Energiegemeinschaften und bidirektionales Laden geschaffen werden."

So seien in Österreich etwa bereits Energiegemeinschaften etabliert und hätten sich zu einem lukrativen Nebengeschäft für Solaranlagen-Betreiber und Solarstrom-Nutzer entwickelt. In Deutschland wird seit Jahren über sogenanntes Energy Sharing diskutiert, die Umsetzung in der Praxis steht aber noch aus. Immerhin soll das örtliche Stromteilen ab Mitte 2026 innerhalb eines Netzgebietes möglich werden.

Kritik an Verteilnetzbetreibern

Kritik gibt es aber nicht nur an der Ministerin, sondern auch an den Verteilnetzbetreibern, zu denen neben Eon-Tochterunternehmen auch viele Stadtwerke gehören. Solarunternehmer Knuth weist darauf hin, dass es das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) – und damit die Solarförderung – bereits seit dem Jahr 2000 gibt. "Die Netzbetreiber hatten also ein Vierteljahrhundert Zeit, die Netze auszubauen. Die Ertüchtigung der Netze stand allerdings nicht immer im Vordergrund."

Andere in der Branche äußern sich ähnlich deutlich. Thomas Schoy, Geschäftsführer und Mitinhaber des Solarunternehmens Privates Institut hält die durchgängige Förderung kleiner PV-Anlagen zwar für "unsinnig". "Allerdings geht die Wirtschaftsministerin überhaupt nicht auf das drängende Problem des massiv hinterherhinkenden Netzausbaus und der inzwischen sehr belastenden katastrophalen Zusammenarbeit mit Netzbetreibern ein."

Schoy erwähnt hier die Vergangenheit von Katherina Reiche als Vorstandsvorsitze der Westenergie. Deren Tochterunternehmen Westnetz ist Deutschlands größter Verteilnetzbetreiber. Zuvor war die CDU-Politikerin zudem Hauptgeschäftsführerin beim Stadtwerkeverband VKU. "Ein Schelm, wer Böses dabei denkt", so der Branchenvertreter. "Treffen doch die wegen Netzüberlastungen heruntergefahrenen Anlagen der Erneuerbaren direkt den Stromverbraucher, der diese über die Netzentgelte finanziert."

Solarunternehmer gegen Eon und RWE

Zwischenzeitlich hat sich auch die Diskussion zwischen Solarunternehmern und Energiekonzernen hochgeschaukelt. Worum geht es? Dass Eon-Chef Leo Birnbaum sich seit längerem für ein Ende der Solarförderung ausspricht, ist bekannt. In dieser Woche mischte sich nun auch RWE-Chef Markus Krebber ein und nannte die EEG-Einspeisevergütung vor der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung Düsseldorf "unnötig und sozial ungerecht".

Die betreffenden Haushalte seien "eigentlich genau solche Nutzer und Einspeiser, wie sie keiner haben will". Denn der private Anlagenbetreiber drücke immer dann Strom ins Netz, wenn zu viel Sonne scheine und sein Strom gar nicht gebraucht werde, sagt Krebber mit Blick auf immer mehr Negativpreise an der Strombörse. Über die Einspeisevergütung erhielten PV-Besitzer aber mehr Geld, als ihr Strom am Markt wert sei.

Philipp Schröder, Chef des drittgrößten Solaranbieters, 1Komma5Grad, wollte das nicht auf sich sitzen lassen. RWE habe allein 2,6 Milliarden Euro an Subventionen nur für Ihre defizitären Kohlekraftwerke erhalten, schrieb der Solarunternehmer auf LinkedIn. "Sich als soziales, besorgtes Unternehmen zu porträtieren und Bürgern, die privat investieren, mediale Ratschläge zu erteilen, ist vor diesem Hintergrund unter Umständen unklug, sogar unangemessen."

Netzbetreiber warnen seit längerem vor hohen Kosten für den Netzausbau sowie vor Problemen mit der Netzstabilität, wenn Solaranlagen ungesteuert ins Stromnetz einspeisen. Der Stadtwerkeverband VKU, in dem viele kommunale Netzbetreiber vertreten sind, hatte sich im März bereits für ein Aus der Solarförderung ausgesprochen.

Aus der Solarbranche wird demgegenüber die fehlende Flexibilität im Stromsystem bemängelt, etwa durch einen langsamen Ausbau intelligenter Stromzähler. Auch brauche es mehr Möglichkeiten, grünen Strom gleich vor Ort zu verbrauchen.

Widerspruch zu Reiches Solarrechnung

Gegenrede aus der Solarbranche gibt es auch für eine weitere Äußerung von Ministerin Reiche. Und zwar diese, geäußert Mitte August in der Augsburger Allgemeinen: "Neue, kleine PV-Anlagen rechnen sich schon heute im Markt und bedürften keiner Förderung."

Solarunternehmer Knuth, der auch Vorsitzender des Bundesverbands des Solarhandwerks (bdsh Solar) ist, hält die Rechnung für fehlgeleitet. Denn von einer 10 Kilowatt (kW)-Anlage auf dem Dach blieben typischerweise rund 3,5 kW im Haus, der Rest wandere ins Netz. "Ohne Einspeisevergütung werden die Anlagen wieder kleiner geplant. Wir brauchen aber Energie für die Energie- und Mobilitätswende."

Zudem könne der überschüssige Strom dann nicht mehr in der Nachbarschaft verbraucht werden, was dem Stromnetz dienlich wäre. Viele Hausbesitzer würden außerdem die Investition in eine neue Solaranlage scheuen, wenn sich diese erst viel später amortisiere.

So rechnet der Solarexperte bei einer 10-kW-Anlage und einem Jahresverbrauch von etwa 5000 Kilowattstunden (kWh) sowie Anschaffungskosten für die PV-Anlage von rund 20.000 Euro mit einer Amortisationsdauer von 16 Jahren. Kämen dann noch Reparaturen hinzu, verlängere sich der Zeitraum weiter.

Knuth weist noch auf einen weiteren wichtigen Punkt hin. "Wenn die Einspeisevergütung fällt, könnte zudem auch die Mehrwertsteuer wieder eingeführt werden." Dadurch amortisiere sich die Investition nochmal später. "Ich würde bezweifeln, dass sich die Anschaffung einer Solaranlage im Eigenheim ohne Förderung oder alternativen Modellen für den Betreiber rechnet."

Solarhandwerk im harten Wettbewerb

Der Solarausbau hat sich derweil nach mehreren Boomjahren verlangsamt. "Die Verunsicherung bei den Kunden ist schon seit einem Jahr da, spätestens aber seit dem Solarspitzengesetz", sagt Knuth für den Branchenverband bdsh Solar. Durch die hohe Nachfrage in den Jahren 2022 und 2023 habe sich die Anzahl der Betriebe zwischenzeitlich verdoppelt. "Der Wettbewerb ist ruinös und wird letztlich vom Kunden bezahlt, weil viele Anbieter aufgeben müssen."

Aus Sicht des bdsh Solar fehlen dabei klare Vorgaben, wer PV-Anlagen bauen darf. "Das zerstört den Ruf der seriösen Anbieter." Verbandschef Knuth geht davon aus, dass 2025 ein eher verhaltenes Geschäftsjahr wird – mit noch einigen Insolvenzen. "Wir hoffen, dass sich bis 2026 die Debatte um die Förderung gelegt hat und die Branche in ein normales Arbeiten zurückkehren kann."

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